In allen Religionen wird zu einem respektvollen und achtsamen Umgang mit allen Lebewesen angehalten. Dennoch wird die Nutzung von Tieren häufig religiös legitimiert und eine vegan-vegetarische Lebensweise spielt in kaum einer Weltreligion eine Rolle.

Tiere im Christentum: Der Mensch als Herrscher über das Tier?

Nicht zuletzt durch die Schöpfungsgeschichte in der Bibel, die das Wort Gottes wiedergeben soll, scheint das Tier dem Menschen im Christentum deutlich untergeordnet zu sein. Es besteht sogar die göttliche Weisung, über alles Lebendige zu herrschen (Gen 1,26). Nach der Sintflut bedeutet Gott Noah, „alles Lebendige“ solle den Menschen „zur Nahrung dienen“ (Gen 9,3). Tiere werden in der Bibel nicht nur als Nahrung genutzt, sondern auch zur Herstellung von Kleidung und als Reit- und Lasttiere. Lämmer und Stiere wurden Gott als Opfergabe dargebracht.

In Gedenken an Karfreitag, dem Todestag von Jesus, wird nach christlicher Tradition freitags oft kein Fleisch gegessen und stattdessen Fisch serviert. Dahinter steht, dass man an diesem Tag Verzicht üben soll. Fisch wird daher nicht als Fleisch angesehen. Dieses Missverständnis sorgt bis heute dafür, dass Vegetariern in Restaurants Fischgerichte angeboten werden, obwohl Fisch nicht vegetarisch ist.

Vegetarismus und Veganismus im Christentum

Bereits in frühchristlicher Zeit gab es Gläubige, die sich fleischfrei ernährten. Zum Beispiel soll Apostel Paulus laut den Clementinischen Homilien gesagt haben: „Ich lebe von Brot und Oliven, denen ich nur selten ein Gemüse zufüge.“

In der Schöpfungsgeschichte ist auch nicht ausdrücklich die Rede davon, dass Tiere zum Zweck der Ernährung erschaffen worden sind. Vielmehr lautet eine Stelle im ersten Buch Genesis: „Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen“ (Gen 1,29).

Die Tatsache, dass die Bibel vielfach überliefert und übersetzt worden ist und vieles einen großen Interpretationsspielraum zulässt, sollte nicht außer Acht gelassen werden. So liegt es meist im Ermessen von Theologen und Gläubigen, ob es im Christentum eine Legitimation für das Töten und Ausbeuten von Tieren gibt. Auch die Frage, ob Jesus Vegetarier oder Veganer war oder nicht, kann man nicht eindeutig beantworten.

Das heutige Christentum

Im heutigen Katechismus der katholischen Kirche heißt es, Tiere seien Geschöpfe Gottes und sollten somit Fürsorge erfahren. In seiner ersten Enzyklika ruft der amtierende Papst Franziskus zu Umweltschutz auf. Vegetarismus und besonders Veganismus tragen einen großen Teil dazu bei, Ressourcen zu schonen und die Umwelt zu schützen.

Tiere im Buddhismus

Vegetarismus und Veganismus waren und sind im Buddhismus weit verbreitet, jedoch sind nicht alle Buddhisten Pflanzenköstler. Die viertgrößte Weltreligion hat ihren Ursprung in Indien. Heute ist der Buddhismus besonders in Süd- und Ostasien vertreten.

Mitgefühl mit allem Lebendigen und das Vermeiden von Leiderzeugung und Töten ist ein zentraler Aspekt des Buddhismus. Dem Begründer Buddha wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Alle Lebewesen, seien sie groß oder klein, zwei- oder vierbeinig, ob sie schwimmen oder fliegen – sie alle haben das Recht zu leben. Wir dürfen andere Lebewesen nicht verletzen oder gar töten.“

Der wichtigste Feiertag ist Vesakh, der von Buddhisten in aller Welt begangen wird. Er erinnert an das Leben und Wirken Buddhas. Häufig werden im Rahmen der Festlichkeiten Tiere freigelassen. Dieser Akt symbolisiert die Wertschätzung von Tieren und allen übrigen Wesen.

Tiere im Hinduismus

Wie der Buddhismus entstand auch der Hinduismus in Indien. Im Hinduismus haben Tiere einen hohen Stellenwert. „Ahimsa“ ist ein zentrales Gebot, das Gewaltlosigkeit bedeutet und alle Lebewesen betrifft. Vegetarismus ist daher unter den Hindus weit verbreitet. 80 % der indischen Bevölkerung sind Anhänger des Hinduismus. Im Hinduismus herrscht kein eklatanter Unterschied zwischen Mensch und Tier wie beispielsweise im Christentum. Beide gelten als beseelte Wesen, die wiedergeboren werden.

Hätten Sie’s gewusst?

Hätten Sie’s gewusst?

40 % der Inder ernähren sich fleischfrei. Indien gilt daher als das Land, in dem die meisten Vegetarier leben.

Heilige Tiere im Hinduismus

Im Hinduismus werden Tiere verehrt und viele Gottheiten als Tiergestalten abgebildet. Ein bekanntes Beispiel ist der Elefantengott Ganesha, der als halb Mensch und halb Tier in allen Strömungen des Hinduismus vorkommt.

Berühmt ist auch die Kuh, die im Hinduismus als heilig gilt. Die selbst friedlich, da vegan lebende Kuh wurde zum Symbol der liebenden Muttergottheit. In Indien wird die Kuh heute öffentlich verehrt. Sie lebt in Freiheit und darf nicht angebunden, erst recht nicht getötet werden. Es ist allerdings kein Tabu, ihre Milch zu trinken und zu verarbeiten. Milchprodukte und auch die Ausscheidungen der Kuh gelten als segensreiche Reinigungsmittel.

Daneben gibt es viele weitere heilige Tiere, etwa den Tiger, den Affen, die Ratte und die Schlange. Die Heiligsprechung hat jedoch nicht zur Folge, dass die Nutzung von Tieren grundsätzlich verpönt ist. Ochsen werden beispielsweise als Zugtiere eingesetzt. In vielen Regionen gibt es allerdings einen Tag im Jahr, an dem der Ochse gefeiert wird. Er wird geschmückt und bemalt und muss an diesem Tag nicht arbeiten.

Tiere im Jainismus

Der Jainismus ist die dritte indische Hochreligion neben dem Buddhismus und Hinduismus. Er hat heute 4,2 Millionen Anhänger. Das Gebot der Gewaltlosigkeit, „Ahimsa“, gilt als das höchste, und betrifft alle Lebewesen. Zu diesen zählen nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen. Um diesem Gebot so konsequent wie möglich zu folgen, ist der Vegetarismus und Veganismus fester Bestandteil des Lebens der Jains.

Gewaltlosigkeit als Lebenseinstellung im Jainismus

Jains ernähren sich fleischfrei und meiden außerdem Eier und Honig, während Milchkonsum teilweise als vertretbar angesehen wird. Da auch Pflanzen zu den beseelten und lebendigen Wesen zählen, verzichten Anhänger des Jainismus auf den Verzehr bestimmter Gewächse wie Wurzelgemüse.

„Ahimsa“ betrifft aber nicht nur die Ernährung: Berufe wie Metzger, Fischer und Landwirt – da beim Pflügen Tiere verletzt werden können – sind tabu. Um nicht versehentlich auf Insekten zu treten, fegen die Jain-Mönche beim Gehen mit einem Besen vor sich her. Tücher vor dem Mund verhindern das Einatmen von Kleinstlebewesen.

Hätten Sie’s gewusst?

Hätten Sie’s gewusst?

In Palitana ist das Schlachten von Tieren sowie der Verkauf von Fleisch und Eiern seit 2014 verboten. Die Stadt im indischen Bundesstaat Gujarat ist damit die erste vegetarische Stadt der Welt.

Tiere im Islam

Der Islam ist mit rund 1,2 Milliarden Anhängern die zweitgrößte Religion nach dem Christentum. Im Koran, der heiligen Schrift der Muslime, kommen Tiere häufig vor. Viele Suren, also Abschnitte des Korans, sind nach ihnen benannt, beispielsweise „Kuh“, „Vieh“, „Biene“ und „Elefant“.

Die Vollkommenheit der göttlichen Schöpfung wird oft mit Tieren anschaulich gemacht. Es gibt viele Überlieferungen, die zu tierfreundlichem Verhalten aufrufen: In einer Erzählung lässt eine Frau einen durstigen Hund zuerst vom Wasser eines Brunnens trinken, woraufhin ihr ihre Sünden erlassen werden.

Dem Propheten Mohammed wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Eine gute Tat an einem Tier ist genauso verdienstvoll wie eine gute Tat an einem Menschen, während eine grausame Handlung an einem Tier genauso schlimm ist wie eine grausame Handlung an einem Menschen. Wer immer auch freundlich zu den Geschöpfen Gottes ist, ist freundlich zu sich selbst.“

Schächten im Islam

Grausamkeiten gegen Tiere sind im Islam verboten. Die Religion unterteilt grundsätzlich in „halal“ (erlaubt) und „haram“ (verboten). Diese Regel wird auch bei der Ernährung angewendet. Zu den unerlaubten Speisen zählen Schweinefleisch und andere Produkte vom Schwein wie Gelatine, aber auch Alkohol und Tierblut. Zudem darf ein bereits verendetes Tier nicht zu Nahrungszwecken verwendet werden. Das Verzehren von Fleisch ist jedoch nicht grundsätzlich verboten.

Beim Schlachten werden die Tiere traditionell mit einem Messerschnitt am unteren Hals getötet. Dies wird Schächten genannt. Ziel ist das völlige Ausbluten. Dieser Vorgang wird ohne Betäubung durchgeführt, um zu verhindern, dass die Tiere bereits bei der Betäubung sterben. Diese Praxis ist nicht nur bei Tierschützern umstritten: Auch einige Gelehrte des Islams sprechen sich für eine vorherige Betäubung des Tieres aus.

In Deutschland ist das Schlachten ohne Betäubung zwar nicht erlaubt, jedoch kann dies umgangen werden, indem man eine Ausnahmeregelung beantragt. Um dem Gesetz der uneingeschränkten Religionsfreiheit zu entsprechen, muss Schächten nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gestattet werden.

Tiere im Judentum

Ähnlich wie im Islam finden auch im Judentum Speisegesetze Anwendung. Lebensmittel werden in „koscher“ (erlaubt) und „nicht-koscher“ beziehungsweise „treife“ (nicht erlaubt) unterteilt. Auch Tiere werden dementsprechend klassifiziert. Nur solche, die zweigespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sind, werden als koscher erachtet. Dies sind unter anderem Rinder, Schafe, Ziegen und Damwild. Schweine gelten als „treife“, da sie zwar gespaltene Hufe haben, aber nicht wiederkäuen.

Geflügel wird als koscher angesehen, wenn es sich um domestizierte Tierarten handelt, beispielsweise Hühner und Gänse. Raubvögel sind nicht koscher. Fische, sofern sie Schuppen und Flossen haben, dürfen verzehrt werden. Die Speisegesetze gelten nicht nur für das Fleisch des jeweiligen Tieres, sondern auch für weitere Produkte wie Eier und Milch. Die Milch von Kühen und Ziegen ist also erlaubt, wohingegen die Milch eines Pferdes nicht koscher ist.

Nicht alle Juden richten sich nach den Speisegesetzen ihrer Religion, da die Auslegung sehr unterschiedlich ausfällt. Wie im Islam werden Tiere, die zum Verzehr bestimmt sind, geschächtet, da der Konsum von Blut für Juden tabu ist. Zu den Grundprinzipien des Judentums gehört, dass alles Leben heilig ist. Trotzdem ist eine vegetarische oder vegane Lebensweise kein wesentliches Element dieser Religion.

Veganismus und Vegetarismus – Religion konsequent gelebt

In allen Religionen wird ein respektvoller und achtsamer Umgang mit allen Lebewesen angemahnt. Doch nur im Jainismus werden Vegetarismus und Veganismus konsequent gelebt.

Unter der Schirmherrschaft der Primatenforscherin Jane Goodall arbeitet der Verhaltensbiologe und Priester Rainer Hagencord am Institut für Theologische Zoologie in Münster. Dieser beurteilt im Gespräch mit 3sat den Umgang mit Tieren als nicht vereinbar mit religiösen Geboten: „Das Thema Mitgefühl ist in der Agenda aller Religionen ganz weit oben. Empathie und Mitgefühl kann nicht bei bestimmten Geschöpfen enden.” Tiere würden in der religiösen Lehre und der kirchlichen Erziehung ausgeblendet, was Hagencord als fatal bezeichnet. Er sieht den Menschen in der Verantwortung – auch als religiöse Aufgabe: „Ich kann nicht mehr so tun, als sei mir das Schicksal von Puten, Hühnern, Rindern und Schweinen gleichgültig“, so der Theologe.

Mit einer fleischfreien und besonders einer veganen Ernährung und Lebensweise werden Tiere als Mitgeschöpfe geachtet. Und nicht zuletzt tut man damit auch der Umwelt und der eigenen Gesundheit etwas Gutes.

Hanna Schlüter