Alternative Ernährungsformen: Hintergründe

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Trennkost, Low-Carb-Diät, ayurvedische oder Rohkost-Ernährung – alternative Ernährungskonzepte haben Hochkonjunktur. Was macht sie aus, was verbindet sie und sind sie empfehlenswert?

Modische Ernährungsformen versus alternative Ernährungsformen

Einige alternative Ernährungsformen wie die ayurvedische Ernährung existieren bereits seit Jahrtausenden. Andere wie die Vollwert-Ernährung wurden erst im letzten Jahrhundert entwickelt. Ein entscheidendes Merkmal all dieser Kostformen ist eine zugrunde liegende Konzeption, aus der sich konkrete Empfehlungen zur Lebensmittelauswahl ableiten. Hinzu kommen die lebenslange Praktizierbarkeit, eine gewisse Beständigkeit sowie der Anspruch, gesundheitsfördernd zu wirken.

Kurzfristige Modeerscheinungen wie die Blutgruppen-Diät zählen demnach nicht zu den alternativen Ernährungsformen. Wenn aktuelle modische Ernährungsformen jedoch langfristig mit einer nennenswerten Zahl von Anhängern fortbestehen, können sie in Zukunft ebenfalls zu den alternativen Ernährungsformen gezählt werden. Diäten zur Gewichtsabnahme (z. B. Brigitte-Diät), therapeutische Diäten (z. B. glutenfreie Diät bei Zöliakie), Ernährungskuren (z. B. Schroth-Kur), traditionelle Ernährungsweisen sowie bestimmte Ernährungspraktiken (z. B. die Bevorzugung von Bio-Lebensmitteln oder Fast Food, „Containern“, Insektenverzehr) sind ebenfalls keine alternativen Ernährungsformen.

Beispiele für modische Ernährungsformen:

  • Blutgruppen-Diät
  • Dukan-Diät
  • Glykämischer-Index-(GI)-Diäten (Glyx-Diät, Montignac-Methode)
  • Low-Carb-Diäten (Atkins-Diät, Forever-young-Ernährungsprogramm, Lutz-Diät)
  • kombinierte GI- und Low-Carb-Diäten (LOGI-Methode, South-Beach-Diät)
  • Metabolic Balance, Metabolic Typing
  • Schlank im Schlaf
  • Sears-Diät (Zone-Diet)
  • Steinzeit-Diät (Paleo-Diet)

Kennzeichen alternativer Ernährungsformen

Trotz unterschiedlicher Ansätze und Begründungen weisen die verschiedenen alternativen Ernährungsformen eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf. Eine wichtige Übereinstimmung ist die Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel, die jedoch verschieden stark ausgeprägt ist. So sind einige alternative Ernährungsformen vegetarisch-vegan orientiert, während andere auch mäßigen Fleisch- und/oder Fischverzehr zugestehen bzw. empfehlen. Andere Grundsätze alternativer Ernährungsformen betreffen Art, Herkunft und Verarbeitung der konsumierten Lebensmittel.

Entsprechend ist es schwierig, eine eindeutige Trennlinie zwischen Vegetarismus und alternativen Ernährungsformen zu ziehen. Die Gründe dafür sind die unterschiedlichen Ausprägungen des Vegetarismus sowie die Tatsache, dass alle alternativen Ernährungsformen vegetarisch-vegan geprägt sind. Auch wenn der vegetarisch-veganen Ernährung kein einheitliches Konzept zugrunde liegt, kann sie dennoch als alternative Ernährungsform bezeichnet werden – und zwar die mit der weltweit größten Verbreitung.

Gemeinsamkeiten alternativer Ernährungsformen:

  • Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel
  • Bevorzugung von Produkten aus ökologischer Landwirtschaft
  • Ablehnung hochgradiger Lebensmittelverarbeitung
  • Ablehnung bestimmter Produktionsverfahren und Techniken (z. B. Lebensmittelzusatzstoffe, Bestrahlung, Gentechnik)
  • Bevorzugung regionaler und saisonaler Lebensmittel
  • Bevorzugung schonender Zubereitungsmethoden
  • ganzheitliche Sichtweise

Einteilung alternativer Ernährungsformen

Alternative Ernährungsformen lassen sich in vorwiegend weltanschaulich und vorwiegend gesundheitlich orientierte Kostformen einteilen. Allerdings gibt es auch hier Überschneidungen. So ist beispielsweise die Ernährung in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wesentlicher Bestandteil eines überlieferten präventiven und therapeutischen Medizinsystems. Dieses Medizinsystem basiert wiederum auf einer ganzheitlich-philosophischen Betrachtungsweise der Welt, beeinflusst u. a. durch den Daoismus. Umgekehrt beinhalten einige Kostformen, die primär gesundheitliche Ziele verfolgen wie die Haysche Trennkost auch weltanschauliche Aspekte wie die Einheit von Körper, Geist und Seele.

Dennoch ist diese Einteilung hilfreich, insbesondere im Zusammenhang mit den Beweggründen für die verschiedenen alternativen Ernährungsformen. Eine Reihe der Begründer litt selbst an schweren und teilweise als unheilbar geltenden Krankheiten. Durch eine radikale Ernährungsumstellung erlangten sie nach eigener Aussage wieder vollständige Gesundheit. Die aus den persönlichen Krankheitserfahrungen der Begründer entwickelten alternativen Ernährungsformen sind vermutlich besonders attraktiv für Menschen, die an ähnlichen, meist chronischen Krankheiten leiden.

Weltanschaulich orientierte Kostformen

Die Ernährungsempfehlungen der vorwiegend weltanschaulich orientierten Kostformen sind recht komplex (siehe Tabelle 1). Hier ist die Ernährung als Teil einer Gesamtphilosophie zu verstehen, die Außenstehenden kaum zugänglich ist. So ist die auf Rudolf Steiner zurückgehende anthroposophische Ernährung mit rein naturwissenschaftlichem Denken nicht erfassbar. Dennoch hält die Ernährungsform in der Praxis fast allen ernährungsphysiologischen Anforderungen stand.

Tabelle 1: Alternative Ernährungsformen mit überwiegend weltanschaulichem Hintergrund

KostformLebensmittelauswahl
Vegane Ernährungvegan
Vegetarische Ernährungvegetarisch*
Mazdaznan-Ernährunglakto-(ovo-)vegetarisch
Makrobiotische Ernährungüberwiegend vegan**
Ayurvedische Ernährungüberwiegend lakto-vegetarisch
Anthroposophische Ernährungüberwiegend lakto-ovo-vegetarisch
Ernährung in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)überwiegend vegetarisch***

* verschiedene Varianten (lakto-vegetarisch, ovo-vegetarisch, lakto-ovo-vegetarisch)
** moderne Variante, mit gelegentlichem Fischverzehr
*** seltener Fleisch- und Eiverzehr, regelmäßiger Fischverzehr

Gesundheitlich orientierte Kostformen

Alle vorwiegend gesundheitlich orientierten Kostformen (siehe Tabelle 2) nehmen für sich in Anspruch, in besonderer Weise zur Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit bzw. zum Schutz vor bestimmten oder auch allen Krankheiten beizutragen. Allerdings sind einige von den Begründern der jeweiligen Ernährungsform vertretenen Auffassungen aus naturwissenschaftlicher Sicht nicht haltbar.

Tabelle 2: Alternative Ernährungsformen mit vorwiegend gesundheitlicher Orientierung

KostformLebensmittelauswahl
Schnitzer-Intensivkostvegan
Fit for Lifeüberwiegend vegan*
Rohkost-Ernährungüberwiegend vegan**
Waerland-Kostlakto-vegetarisch
Evers-Diätlakto-ovo-vegetarisch***
Schnitzer-Normalkostlakto-ovo-vegetarisch
Haysche Trennkostüberwiegend vegetarisch
Vitalstoffreiche Vollwertkostüberwiegend vegetarisch
Vollwert-Ernährungüberwiegend vegetarisch

* von Variante abhängig
** von Variante abhängig, viele verschiedene Formen
*** moderne Variante

Ernährungswissenschaftliche Bewertung alternativer Ernährungsformen

Für eine ernährungswissenschaftliche Bewertung alternativer Ernährungsformen muss wie bei allen anderen Ernährungsweisen geklärt werden, ob die Nährstoffversorgung sowie der Erhalt der Gesundheit sichergestellt sind. Dies kann durch Untersuchungen an Menschen, die seit längerer Zeit eine bestimmte Kostform praktizieren, überprüft werden. Dabei werden beispielsweise die Nährstoffzufuhr mit der Nahrung und die Nährstoffversorgung im Blut gemessen.

Studien zur vegetarisch-veganen Ernährung

Um zu bewerten, ob eine Ernährungsform auch für Kinder geeignet ist, werden zusätzliche Daten wie Körpergröße und Körpergewicht sowie Daten zur körperlichen und geistigen Entwicklung erhoben. Neben einer Vielzahl von Studien zur vegetarisch-veganen Ernährung gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen zur Makrobiotik, zur Vollwert-Ernährung sowie zur Rohkost-Ernährung.

Auf abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl achten

Um auch alternative Kostformen, zu denen bislang keine Studien durchgeführt wurden, ernährungswissenschaftlich bewerten zu können, wird meist die Nährstoffzufuhr auf Grundlage des Lebensmittelverzehrs abgeschätzt. Grundsätzlich gilt dabei: Je eingeschränkter die Lebensmittelauswahl ist, umso eher kann es zu einer mangelhaften Nährstoffversorgung kommen. Besonders berücksichtigt werden müssen Risikogruppen, die einen veränderten, meist höheren Bedarf an verschiedenen Nährstoffen haben: Schwangere, Stillende, Kinder, Jugendliche, Ältere und Sportler.

Alternative Kostformen entsprechen den Ernährungsempfehlungen

Eine detaillierte ernährungswissenschaftliche Bewertung der verschiedenen alternativen Ernährungsformen ist an dieser Stelle nicht möglich. Es lässt sich jedoch feststellen, dass sich die Empfehlungen der heutigen Ernährungswissenschaft und Ernährungsmedizin für eine präventive, gesundheitsfördernde Lebensweise mit den meisten alternativen Kostformen deutlich besser umsetzen lassen als mit der üblichen Mischkost.

Zudem sind die massiven Gesundheitsprobleme, mit denen die Wohlstandsgesellschaften heute weltweit konfrontiert sind, nicht auf alternative Ernährungsformen zurückzuführen, sondern auf die verbreitete Fehlernährung, verbunden mit Bewegungsmangel und Tabakkonsum. Einzelne Kostformen enthalten jedoch Schwächen, die nur durch deutliche Veränderungen in der Lebensmittelauswahl ausgeglichen werden können.

Weiterbildung für Multiplikatoren wichtig

Das weiter steigende Interesse der Bevölkerung an alternativen Ernährungsformen erfordert nicht nur eine deutliche Ausweitung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesen Kostformen, sondern auch ein kompetentes Beratungsangebot der dafür zuständigen Multiplikatoren (v. a. Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten, Ärzte). Ein Beispiel hierfür ist der vom VEBU initiierte Kongress „VegMed“. Auf der anderen Seite sind die Autoren und Vertreter alternativer Ernährungsformen aufgefordert, etablierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen, um ihre Empfehlungen dem aktuellen Stand der Wissenschaft anzupassen.

VegMed Logo

Europas erster und bisher einziger Wissenschaftskongress zu vegetarisch-veganer Ernährung

VegMed ist ein in Europa einzigartiger Fachkongress zu Medizin und vegan-vegetarischer Ernährung für Ärzte, Studierende und Menschen aus anderen Gesundheitsberufen mit Schwerpunkt Ernährung. Ziel der VegMed ist die wissenschaftliche Etablierung pflanzenbetonter Ernährung in Medizin und Gesellschaft.

Kernaussagen

  • Alternative Ernährungsformen entstanden in frühen asiatischen Kulturen, der Antike und ab dem 19. Jahrhundert.
  • Alternative Ernährungsformen sind als Dauerkost konzipiert und überwiegend vegetarisch-vegan orientiert.
  • Vorwiegend weltanschaulich orientiert sind u. a. die ayurvedische, makrobiotische und anthroposophische Ernährung.
  • Vorwiegend gesundheitlich orientiert sind u. a. die Haysche Trennkost, die Rohkost und die Vollwert-Ernährung.
  • Alternative Ernährungsformen lassen sich bei Bedarf durch geringe Modifikationen optimieren.
  • Ernährungswissenschaftliche Empfehlungen lassen sich im Rahmen von alternativen Ernährungsformen meist gut umsetzen.