Pflanzliche Lebensmittel sind „Zu gut für die Tonne“!

(c) BMEL

[15.02.17] Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) schreibt einen Preis für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung aus und denkt dabei nur an effiziente Supermarkt-Logistik und Kochen mit krummem Gemüse. Leider wird aber die gravierendste Form der Lebensmittelverschwendung ignoriert: die Tierhaltung.

180 Kilogramm Lebensmittel werden in der EU jedes Jahr pro Person auf Einzelhandels- und Verbraucherebene weggeworfen1. Das ist bedauernswert viel und wurde vor allem dank des Engagements zivilgesellschaftlicher Organisationen inzwischen als Problem anerkannt. Das deutsche Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und die Europäische Kommission informieren über die Thematik und bekunden regelmäßig den Willen, aktiv gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen. Im Rahmen der Kampagne „Zu gut für die Tonne“ kürt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Projekte und Ideen mit einem Preis, die erfolgreich einen Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung und für Ressourcenschonung leisten. In der letztjährigen Preisverleihung wurden ausschließlich Projekte nominiert und ausgezeichnet, die auf der Ebene des Handels oder der Verbraucherschaft ansetzen, also beispielsweise Gemüse und Obst vermarkten, das aufgrund von Schäden oder „falscher“ Form/Größe andernfalls in der Mülltonne gelandet wäre. Dieses Jahr sieht die Runde der Nominierten ähnlich aus. Die Projekte sind lobenswert, ein größeres Problem liegt allerdings an ganz anderer Stelle und verlangt einen Blick auf die Tierhaltung.

Tierische Lebensmittel: Größte Form der Lebensmittelverschwendung

Ignoriert wird häufig, dass die wohl größte Form der Lebensmittelverschwendung die Produktion tierischer Lebensmittel ist. Eine beträchtliche Menge an landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Weizen und Soja wird in Form von Futtermitteln an sogenannte „Nutztiere“ verfüttert und steht somit nicht für den menschlichen Verzehr zur Verfügung. Dabei geht aufgrund der ineffizienten Umwandlung von pflanzlichen zu tierischen Kalorien ein großer Teil der Ressourcen verloren – die Branche spricht von „Veredelungsverlusten“. Nach vorsichtigen Schätzungen der Organisation Compassion in World Farming2 werden in der EU jährlich pro Person über 230 Kilogramm pflanzliche Erzeugnisse auf diese Weise verschwendet, also sogar mehr als die eingangs erwähnten Verluste.

Das Problem liegt in der „Veredelung“

Für Bewegung, Verdauung und den Erhalt der Körpertemperatur benötigen Tiere Energie aus Futterpflanzen. Außerdem werden nicht alle Körperteile und Organe nach dem Schlachtvorgang verwertet und landen somit nicht auf dem Teller. Ein Großteil der „zugeführten“ Energie – bis zu 90 % – steht somit nicht mehr in den tierischen Produkten zur Verfügung, die Ressourcen sind also ohne „Zweck“ verschwendet worden. Je nach Produkt, Tierart und Haltungsform variieren diese Verluste, das grundsätzliche Problem bleibt jedoch bestehen. Daten der EU-Kommission zeigen, dass in Europa jährlich über 160 Millionen Tonnen pflanzliche Futtermittel verfüttert werden.3 „Veredelungsverluste“ machen davon einen beträchtlichen Teil aus, die damit einhergehende Ressourcenverschwendung ist also enorm.

  • Industrielle Tierhaltung fördert Ressourcenverschwendung

    Die Produktion von Fleisch und anderen tierischen Lebensmitteln hat viele negative Auswirkungen auf die Umwelt. Immenser Flächenverbrauch, gravierende Bodenschäden und Wasserverschmutzung sind nur ein paar der Probleme der industriellen Tierhaltung.

Der VEBU engagiert sich gegen Lebensmittelverschwendung

Die BMEL-Kampagne „Zu gut für die Tonne“, in die der Bundespreis eingebunden ist, erwähnt die Lebensmittelverschwendung in der Tierhaltung mit keinem Wort. Auch die Auswahl der Nominierten und Preisträger der letztjährigen Runde des Wettbewerbs zielte ausschließlich auf Lebensmittelverschwendung nach Verständnis des BMEL ab. Daher hatte der VEBU dieses Jahr eine eigene Bewerbung eingereicht, die genau diesen Zusammenhang thematisiert. Exemplarisch wurde darin das tägliche vegane Mittagessen, das vom rund 40-köpfigen VEBU-Team zubereitet und gemeinsam verzehrt wird, als Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung erläutert. Alle anderen Projekte und Aktivitäten, mit denen sich der VEBU täglich für eine pflanzliche Lebensweise einsetzt, sind immer auch als Engagement gegen Ressourcenverluste zu verstehen, die mit der Produktion tierischer Lebensmittel einhergehen.

Warum nicht häufiger darüber geredet wird

Christian Schmidts Motivation, darüber keine Diskussionen anzuregen, ist offensichtlich: Die deutsche Landwirtschaft ist in hohem Maße von der Tierhaltung abhängig, jeder zweite Euro wird damit erwirtschaftet.4 Um die ressourcenfressende Branche aus der Schusslinie zu nehmen, wird daher die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Verschwendung auf Haushalts- und Einzelhandelsebene gelenkt.

Warum sich der VEBU beworben hat

Der VEBU ist bei der diesjährigen Runde der Nominierten nicht dabei. Da wir einen weitgehend ignorierten Aspekt in die Debatte eingebracht haben, war es von vornherein unwahrscheinlich, dass das Engagement des VEBU prämiert wird. Dies war aber auch nicht das Ziel der Teilnahme. Wir haben uns aus folgendem Grund beworben: Dem VEBU ist es ein Anliegen, die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik auf diejenige Lebensmittelverschwendung zu lenken, die täglich mit der Erzeugung tierischer Lebensmittel einhergeht. Dafür gehen wir beim VEBU gern auch einmal unkonventionelle Wege.

Lesen Sie hier die Bewerbung des VEBU

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Felix Domke

Autor

Felix Domke

VEBU-Politik

Quellen

[1] Europäische Kommission (2011): Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa: Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen. Online unter http://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52011DC0571&from=EN [08.02.2017].

[2] CIWF (Compassion in World Farming) (2014): A Sustainable Food Policy for Europe: Towards a sustainable, nourishing and humane food policy for Europe and globally. Online unter https://www.ciwf.org.uk/media/5858105/a-sustainable-food-policy-for-europe-executive-summary.pdf [08.02.2017].

[3] Europäische Kommission (2017): EU Market: Cereals Supply & Demand. Online unter http://ec.europa.eu/agriculture/sites/agriculture/files/cereals/balance-sheets/cereals/overview_en.pdf [08.02.2017].

[4] BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) (2016): Grünbuch Ernährung, Landwirtschaft, Ländliche Räume: Gute Ernährung, starke Landwirtschaft, lebendige Regionen. Online unter http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Broschueren/Gruenbuch.pdf?__blob=publicationFile [08.0.2017].