1867: Geburtsstunde der deutschen Veggie-Bewegung

Der Theologe Eduard Baltzer gründete am 21. April 1867 im thüringischen Nordhausen den „Verein für natürliche Lebensweise“ und legte damit den Grundstein in der Geschichte der vegetarisch-veganen Vereine in Deutschland. Bereits damals gab es mit dem „Vereinsblatt für Freunde der natürlichen Lebensweise“ eine Zeitschrift für Vereinsmitglieder. Die erste Ausgabe von Baltzers Vereinszeitschrift 1868 zählt in der Chronik ihrer Nachfolger als 1. Jahrgang. 1869 wurde der Verein umbenannt in „Deutscher Verein für naturgemäße Lebensweise“.

Neben Baltzers Verein entstanden in den Jahren nach 1867 weitere lokale Vereinigungen wie der 1868 durch Gustav Struve gegründete „Stuttgarter Vegetarierverein“ (schloss sich 2012 als „Vegetarische Gesellschaft Stuttgart“ dem VEBU an) und 1879 der „Deutsche Verein für harmonische Lebensweise“.

1892–1904: Zusammenschluss und erste Erfolge

Am 07. Juni 1892 schlossen sich der „Deutsche Verein für natürliche Lebensweise“, der „Deutsche Verein für harmonische Lebensweise“ und einige andere Lokalvereine zum VEBU zusammen. Dieses Ereignis fand im vegetarischen Gasthaus und Café Pomona in Leipzig statt, da damals ausschließlich in Sachsen ein Verein als juristische Person galt.

 

Schon damals gab es mit der Zeitschrift „Der Vegetarier“ einen Vorläufer des VEBU-Magazins. Aus ihr geht hervor, dass es sich bei der Gründung des Vegetarierbundes nicht nur um den Zusammenschluss, sondern auch um die Fortführung beider Vereine unter einem neuen Namen und einer neuen Verfassung handelte.

Von besonderer Wichtigkeit ist es, dass der Deutsche Vegetarierbund ausdrücklich als die Fortsetzung beider Vereine bezeichnet worden ist, sodass keine Auflösung, sondern nur Annahme der neuen Verfassung nötig ist.
(Zitat aus „Der Vegetarier“ 1892, Nr. 12, Seite 89, einem Vorläufer des VEBU-Magazins)

Zum ersten Vorsitzenden wurde der Lehrer Ernst Hering gewählt, der dieses Amt für zwölf Jahre innehielt. Über 400 Mitglieder konnte der VEBU bereits in seinem Gründungsjahr gewinnen, bis zu Herings Abtritt 1904 stieg die Zahl sogar auf über 1.500. Während dieser Zeit wurde auch die Mitgliedszeitschrift „Vegetarische Rundschau“ ins Leben gerufen und später in „Vegetarische Warte“ umbenannt.

1905–1909: Professionalisierung und internationale Vernetzung

Nach dem Abgang von Ernst Hering wurde Dr. med. Gustav Selß neuer Vorsitzender des Vereins. Unter seiner Leitung kam es zu einer zunehmenden Professionalisierung. Der Vorstand und der Verwaltungsrat wurden vergrößert und zahlreiche Ausschüsse gegründet.

In der Geschäftsstelle in Frankfurt am Main wurden zudem 3 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt. 1908 fand in Dresden der erste internationale Vegetarierkongress statt, bei dem die International Vegetarian Union (IVU) gegründet wurde.

1910–1928: Unstimmigkeiten und Entzweiung

Ab 1910 kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen, woraufhin zahlreiche Mitglieder den Verein verließen. Diverse Ableger wurden gegründet wie der „Verein der vegetarischen Frauen“ oder die „Vegetarische Gesellschaft“.

Der Schriftsteller und Tierrechtler Magnus Schwantje versuchte, in der „Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes und verwandter Bestrebungen“ wieder alle ethischen Bestrebungen zu vereinen. Doch nach dem ersten Weltkrieg gründeten sich weitere Vereine wie der „Bund für radikale Ethik“ oder der „Internationale Sozialistische Kampfbund“.

1929–1933: inhaltliche Neuausrichtung

Durch die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er-Jahre sanken die Mitgliederzahlen weiter. Ab 1929 wurde die „Vegetarische Warte“ nur noch unregelmäßig gedruckt und 1933 schließlich komplett eingestellt.

1931 wurde der Studienrat Bruno Wolff zum neuen Vorsitzenden des Vereins gewählt. Unter ihm wurde der „neue zukunftsweisende Hochvegetarismus“ gefordert. Dieses Konzept beinhaltete nicht mehr nur noch fleischfrei zu leben, sondern frei von jeglicher Art von tierischen Produkten. Der heute dafür verwendete Begriff „vegan“ wurde erst 1944 von dem Engländer Donald Watson eingeführt.

1933–1935: Auflösung in der NS-Zeit

Mit der Machtübernahme der Nazis brachen auch für den „Deutschen Vegetarier-Bund“ schwere Zeiten an. Zwar wurde der angebliche Vegetarier Adolf Hitler gern als Tierfreund dargestellt, obwohl er alles andere als vegetarisch oder vegan lebte, die Vegetarierverbände waren jedoch unerwünscht. Sie wurden verdächtigt, den Pazifismus zu fördern, weswegen sie mit negativer Berichterstattung und bürokratischen Hürden zu kämpfen hatten.

1935 sollten alle Vegetarierverbände in die von der NSDAP geleitete „Deutsche Gesellschaft für Lebensreform“ überführt werden. Der „Deutsche Vegetarier-Bund“ beschloss am 18.02.1935 seine Auflösung, um diesem Schritt zu entgehen. Viele andere Verbände folgten diesem Beispiel.

1946–1972: Neugründungen als VUD

Am 29.05.1946 wurde in Sontra bei Kassel die VUD (Vegetarier-Union Deutschland) gegründet. Aus besatzungsrechtlichen Gründen wurde in der französischen Zone die VU (Deutsche Vegetarier-Union) ins Leben gerufen, welche bis Mitte der 70er-Jahre existierte.

Ab 1956 wurde mit „Der Vegetarier“ von der VUD wieder eine Zeitschrift herausgegeben. Ebenfalls 1956 wurde der „Rat der Deutschen Vegetarier Bewegung, Arbeitsgemeinschaft Deutscher Vegetarierverbände“ gegründet, welcher sich später in „Deutscher-Vegetarier-Rat“ umbenannte.

Unter diesem Dachverband konnten sich neben VUD und VU viele lokale Verbände und Organisationen vernetzen. Als eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Rats gilt die Verabschiedung der Rehburger Formel 1963:

Der Vegetarismus ist die Lehre, dass der Mensch aus ethischen und biologischen Gründen ausschließlich zum Pflanzenesser bestimmt ist. Sein stärkstes Motiv ist die Überzeugung, dass möglichst kein Tier für die menschliche Existenz getötet oder geschädigt werden soll.

1973–1995: Zusammenschluss und Umbenennung

1973 schlossen sich die VUD und der „Freundeskreis der deutschen Reformjugend“ unter dem Namen „Bund für Lebenserneuerung. Vereinigung für ethische Lebensgestaltung, Vegetarismus und Lebensreform“ zusammen. 1985 wurde dieser Bezeichnung der Name „Vegetarierbund Deutschland“ vorangestellt, seit 2008 hieß der Verein nur noch „Vegetarierbund Deutschland“ (VEBU).

1996–2017: Modernisierung und Veggie-Boom

1996 wurde Thomas Schönberger zum neuen Vorsitzenden des VEBU gewählt, welcher dieses Amt bis heute innehat. 1999 wurde der Vereinszeitschrift ein neues Konzept und ein neuer Name gegeben. Ab 2015 hieß das Magazin „VEBU-Magazin“, zuvor „natürlich vegetarisch“.

Außerdem wurden zahlreiche Projekte entwickelt und durchgeführt und die Kommunikationsstrategie modernisiert. 2008 feierte die IVU in ihrem Gründungsort Dresden ihren 100. Geburtstag. Im gleichen Jahr fingen die Mitgliederzahlen an, deutlich zu wachsen. Von damals 2.500 Mitgliedern stieg die Anzahl bis heute auf über 14.000.

2012 schloss sich die „Vegetarische Gesellschaft Stuttgart“ (VGS) dem VEBU an. Die Mitglieder engagieren sich in über 200 Regionalgruppen und -kontakten in ganz Deutschland und unterstützen die zahlreichen hauptamtlichen Mitarbeiter in der Geschäftsstelle im Herzen Berlins.

Die Welt isst pflanzlich

Nach so vielen Jahren mit zahlreichen Erfolgen, aber auch einigen Rückschlägen, ist der VEBU so gut aufgestellt wie nie zuvor. Mit den Projekten der Organisation werden Träume, Ziele und Konzepte von vor 150 Jahren heute Realität und verbreiten so die Idee eines tierleidfreien Lebens auf der ganzen Welt.

Die Erfolge sprechen für sich. Meinungsforschungsinstitute ermittelten für Deutschland eine Anzahl von rund 8 Millionen Vegetariern und 1,3 Millionen Veganern. Täglich kommen schätzungsweise 2.000 Menschen hinzu.


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