Welthunger und die Rolle des Fleischkonsums

Welthunger Bildquelle: Riccardo Mayer / shutterstock.com

Der Wettbewerb zwischen „Trog und Teller“ wird zulasten vieler Menschen in ärmeren Regionen ausgetragen. Die Tier- und Futtermittelproduktion begünstigt die ungerechte Verteilung von Nahrungsmitteln und verschärft so den Welthunger.

Der hohe Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten hat negative Auswirkungen auf die Welternährung und die gerechte Verteilung von Ressourcen und Lebensmitteln. Die Tier- und Futtermittelproduktion verschärft auf verschiedenen Wegen den Welthunger. Eine pflanzliche Ernährung hingegen entlastet immer knapper werdende Ressourcen wie Ackerland und trägt dadurch zu einer größeren Ernährungsgerechtigkeit bei.

Wir produzieren heutzutage genügend Lebensmittel, um der gesamten Weltbevölkerung eine gesunde Ernährung zu ermöglichen. Dennoch muss jeder neunte Mensch abends hungrig einschlafen. Weltweit haben rund 800 Millionen Menschen dauerhaft nicht ausreichend zu essen und gelten als unterernährt. Der Klimawandel, Konflikte und Naturkatastrophen können die Zahl der Hungernden deutlich erhöhen.

Gesundheitliche Auswirkungen von Hunger

Hunger ist noch immer das größte Gesundheitsrisiko für die menschliche Bevölkerung. An den Folgen von Hunger sterben jährlich deutlich mehr Menschen als an AIDS, Tuberkulose und Malaria zusammen. Allein bei Kindern unter 5 Jahren ist Unter- und Mangelernährung für fast die Hälfte aller Todesfälle mitverantwortlich. Jährlich sind das mehr als 3 Millionen Kinder.

Viele Menschen müssen ihr Leben lang die Folgen einer mangelhaften Versorgung mit bestimmten Nährstoffen in der Kindheit mit sich herumtragen. Eine ausreichende Ernährung ist besonders in den ersten 1.000 Tagen des Lebens entscheidend. Etwa 160 Millionen Kinder unter 5 Jahren sind aufgrund von Mangelernährung unterentwickelt. Von diesem versteckten Hunger sind noch weitaus mehr Menschen betroffen als von der Unterernährung durch den Mangel an Kalorien. Rund 2 Milliarden Menschen leiden an dieser Form des Hungers, bei der zu wenig Vitamine und Mineralien wie Zink, Jod und Eisen aufgenommen werden, um für eine stabile Gesundheit und Entwicklung zu sorgen.

Gesellschaftliche Folgen der Mangelernährung

Eine Mangelernährung macht Menschen krankheitsanfällig, schwächt ihre Leistungsfähigkeit und behindert gerade bei Kindern deren geistige und körperliche Entwicklung. Verborgener Hunger schadet nicht nur dem Einzelnen, sondern erschwert die sozioökonomische Entwicklung einer Gesellschaft und verstärkt den Armutskreislauf. Hunger hat somit nicht allein Konsequenzen für die direkt davon Betroffenen. Armut und Arbeitslosigkeit, Gewalt, bewaffnete Konflikte sowie Flucht und Vertreibung stehen oft im Zusammenhang mit Hunger und verschärfen das Problem.

Ursachen des Hungers

Ein Mangel an Ausrüstung, Geld und Know-how sowie Politikversagen, Korruption und ungünstige klimatische Bedingungen sorgen in vielen sogenannten Entwicklungsländern für geringe Erträge und eine unzureichende Infrastruktur. Das erschwert den Zugang und die Verteilung von Lebensmitteln. Von den dann ohnehin oft knappen landwirtschaftlichen Erträgen und auch von importierten Lebensmitteln geht ein großer Teil verloren. Weltweit wird ein Drittel der erzeugten Lebensmittel nicht gegessen. Dies ist allerdings auch ein Problem der reichen Länder. Hierzulande landen jedes Jahr allein in den Privathaushalten 80 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf in der Tonne. Dafür werden etliche natürlich Ressourcen unnötigerweise verbraucht und der Klimawandel befeuert, was sich wiederum nachteilig auf die weltweite Lebensmittelproduktion und Ernährungssituation auswirkt.

98 % der Hungernden leben in Schwellen- und Entwicklungsländern. Über die Hälfte im asiatisch-pazifischen Raum, ein Viertel in Afrika. Von Hunger ist vor allem die Landbevölkerung betroffen. Die meisten Hungernden produzieren selbst Nahrungsmittel, sind aber zu arm, um sich eine ausreichende Ernährung zu leisten. Der Zugang zu ausreichend Lebensmitteln ist das eine Problem, das andere, Lebensmittel überhaupt bezahlen zu können.

Die Rolle des Fleischkonsums

Die Ursachen von Hunger sind vielschichtig. Unser Konsum von Fleisch und anderen Tierprodukten spielt dabei an mehreren Stellen eine Rolle und verschärft die Situation zunehmend. Denn die Weltbevölkerung wächst stetig, während die Produktivität vieler Agrarflächen abnimmt. Ein weiteres Problem ist die wachsende Nachfrage nach tierischen Produkten in Schwellen- und Entwicklungsländern. Um die schätzungsweise 9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 ausreichend ernähren zu können, müssen laut der Welternährungsorganisation FAO etwa 70 % mehr Lebensmittel produziert werden als heute. Diese Produktionssteigerung ist, so die FAO, ohne noch mehr gravierende Umweltschäden nur möglich, wenn sich das Konsumverhalten in den Industrieländern hin zu weniger Fleisch und anderen tierischen Produkten ändert.

Trog oder Teller

Die allermeisten „Nutztiere“ werden mit großen Mengen an Kraftfutter aus Getreide und Ölfrüchten wie Soja und Raps gefüttert. Nur 43 % der weltweiten Getreideernte dienen direkt als Lebensmittel. In der EU ist es sogar nur ein Viertel. In vielen Fällen könnten Mais, Weizen und andere Getreide unmittelbar für die menschliche Ernährung genutzt werden. Der Großteil landet jedoch in den Futtertrögen von Rindern, Schweinen und Geflügel. Die zunehmende Verwendung von Getreide zur Kraftstoff- und Energiegewinnung verschärft das Problem, spielt aber gegenüber den Futtermitteln eine untergeordnete Rolle. Diese große Ressourcenverschwendung gilt es zu reduzieren – eine vegetarisch-vegane Ernährung verbraucht weniger Grundnahrungsmittel als eine fleischlastige Ernährungsweise.

Flächenkonkurrenz

Zusätzlich zur unnötigen Verfütterung von für den menschlichen Verzehr geeignetem Getreide werden auf zahlreichen Flächen weitere Futtermittel angebaut. Da die Industrieländer ihren an Tierprodukten reichen Ernährungsstil nicht mit dem eigenen Futtermittelanbau decken können, nehmen sie riesige Flächen in anderen Weltregionen in Anspruch. Die EU nutzt für den Anbau von Soja auf anderen Kontinenten, etwa in Brasilien, Argentinien und Paraguay, Flächen, die mehr als einem Fünftel des eigenen Ackerlandes in der EU entsprechen. Die von der EU „importierte“ Fläche steht der dortigen Bevölkerung dann nicht mehr für den Lebensmittelanbau zur Verfügung. So muss Argentinien Nahrungsmittel importieren, weil die Hälfte seines Agrarlandes bereits mit dem Anbau von meist gentechnisch veränderten Sojabohnen als Kraftfutter belegt ist.

Weltweit wird insgesamt fast die Hälfte der nutzbaren Ackerflächen für den Anbau von Futtermitteln genutzt. Der Druck auf noch ungenutzte Flächen – oft Regenwaldgebiete – sowie auf Kleinbauern steigt gewaltig und führt zu Vertreibungen von Familien und Gemeinschaften sowie massiven Menschenrechtsverletzungen. Das unter dem Stichwort „Landgrabbing“ bekannt gewordene Aufkaufen immenser Ackerflächen von Konzernen, Regierungen oder Investoren geht wiederum meist zulasten der armen Landbevölkerung und verschärft die Hungerproblematik.

Die Wirkung eines veränderten Konsums

Eine verringerte Nachfrage nach Fleisch und anderen Tierprodukten in Industrieländern hätte positive Wirkungen auf den Ressourcenverbrauch – selbst wenn der Einfluss durch die steigende Nachfrage in anderen Ländern abgeschwächt würde. Denn das Konsumverhalten der Industriestaaten spielt weltweit eine bedeutende Rolle und hat eine wichtige Leitbildfunktion. Eine positive Veränderung in diesen Regionen könnte die nötigen Impulse liefern, die langfristig zu einem globalen Rückgang der Nachfrage nach Fleisch, Milch und Eiern führen.

Spekulation mit Nahrungsmitteln fördert Welthunger

In Regionen, in denen Menschen den Großteil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen, können bereits geringe Preiserhöhungen oder Einkommensverluste zu einer nicht ausreichenden Ernährung führen. Die Instabilität von Nahrungsmittelpreisen, bedingt unter anderem durch die Spekulationen mit Grundnahrungsmitteln an der Börse, erschwert einkommensschwachen Menschen, sich ausreichend und ausgewogen zu ernähren. Die Konkurrenz bei der Verwendung von Getreide als Lebens- oder Futtermittel treibt dessen Weltmarktpreise zusätzlich in die Höhe oder hält sie hoch. Benachteiligt sind dadurch besonders die Länder, die auf Getreideimporte für ihre Versorgung mit Grundnahrungsmitteln angewiesen sind.

Die Folgen von Fleischexporten und Industriefischerei

Unfaire Wettbewerbsbedingungen auf dem Weltmarkt sind ebenfalls für den Hunger mitverantwortlich. So werden durch billige Importe von Fleisch und Milch aus den Industrieländern die lokalen Erzeuger zum Beispiel in Westafrika verdrängt, wodurch sie ihre Einkommensgrundlage verlieren. Die konkurrenzlos billigen Fleischteile und Milchprodukte sind Folgen einer verfehlten Agrarpolitik, falscher Subventionen sowie der Konsumgewohnheiten in den westlichen Ländern. Die Förderung riesiger Tierhaltungsanlagen und die für die Tiere qualvolle auf maximale Produktion getrimmte Zucht ermöglichen einen großen Produktionsüberschuss für den Export.

Besonders beim Hühnerfleisch zeigt sich das hierzulande übliche Konsumentenverhalten als besonders problematisch. Die meisten Verbraucher kaufen vornehmlich das Brustfleisch und decken damit die durch die Massenproduktion geringen Erzeugerkosten. Die übrigen Geflügelteile können dann etwa nach Westafrika verramscht werden.

Die riesigen Fangflotten hochindustrialisierter Länder, unter anderem auch der EU-Staaten, bedrohen in einigen Weltregionen wie Westafrika und Südamerika die Versorgung der Menschen, die auf Fische aus handwerklicher Fischerei als Nahrungsquelle angewiesen sind. Nicht wenige Fänge der Industriefischerei dienen als Futter von Zuchtfischen in den großen Aquakultur-Anlagen. Der Appetit auf Fisch hierzulande kann somit ebenfalls den Welthunger vergrößern.

Andreas Grabolle

Autor

Andreas Grabolle

Wissenschaftsjournalist und Autor von „Kein Fleisch macht glücklich“