Bioveganer Land- und Gartenbau: Landwirtschaft ohne Tier

Vegetarische Landwirtschaft Bildquelle: Dasha Petrenko / shutterstock.com

Der ökologische Landbau wird meist als Lösung der Probleme gesehen, die die konventionelle Landwirtschaft mit sich bringt, aber ist er tatsächlich auch tierfreundlicher? Dass für eine nachhaltige Wirtschaftsweise keine Tierhaltung notwendig ist, beweist die biovegane Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft ist meist eng mit der Tierhaltung verbunden. Die Haltungsbedingungen der Tiere in Bio-Betrieben sind zwar häufig besser als in der konventionellen Massentierhaltung, aber am Ende ihres kurzen Lebens werden meist alle Tiere im selben Schlachthof samt den dortigen Missständen getötet. Außerdem kommen auch für den Anbau biologischer Lebensmittel tierische Bestandteile wie Gülle zum Einsatz. Aber es geht auch anders.

Konventionelle Landwirtschaft

Warum tierische Supermarktprodukte ohne Bio-Siegel so billig sind, erklärt ein Blick in die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung: Sie stellt nur geringste Anforderungen an die Haltung von Kälbern, Hühnern und Schweinen. Haltungsanforderungen für andere Tiere, zum Beispiel ausgewachsene Rinder, gibt es nicht. Die Qualität des Futters ist ebenfalls nicht geregelt. „Fisch frisst Schwein und Schwein frisst Fisch“ ist also möglich. Gentechnik, Regenwaldabholzung für Mastfutter sowie Einsatz von Antibiotika und Psychopharmaka bei gestressten Tieren stehen auf der Tagesordnung. Dies ermöglicht billige Massenproduktion ohne Rücksicht auf die Tiere und die ökologischen Folgen.

Ökologische Landwirtschaft als „artgerechte“ Alternative?

Rund drei von vier Bio-Betrieben halten Tiere, von den übrigen kaufen die meisten tierische Erzeugnisse als Dünger zu. Im Gegensatz zur konventionellen Tierhaltung gelten für den Ökolandbau deutlich strengere Vorgaben und Haltungsanforderungen: Zusätzlich zum Stall müssen Außenflächen vorhanden sein, für die Qualität des Futters, das mindestens zu 95 % gentechnikfrei und ökologisch angebaut sein muss, und für die Gabe von Medikamenten gibt es umfassendere Vorschriften. Von der Behandlung mit chemisch-synthetischen Medikamenten wird abgeraten und diese durch besondere Auflagen erschwert. Darüber hinaus vergeben die biologischen Anbauverbände Bioland, Demeter und Naturland ihre Bio-Siegel mit noch strengeren Auflagen als die EU-Bio-Verordnung.

Tierische Produkte, die Bio-Siegel tragen, kosten meist mehr und geben dem Käufer das Gefühl, dem Tier sei es besser gegangen. Aber es stellt sich die Frage, ob bei der Erzeugung von Bio-Produkten tatsächlich kein Tier leiden muss. Körperliche Eingriffe wie Enthornung und Anbindehaltung sind nicht bei allen Bio-Anbauverbänden verboten. Skandale auch im Bio-Bereich zeigen regelmäßig, dass Kontrollsysteme versagen und trotz Vorschriften und Beratern Missstände in der Tierhaltung immer wieder vorkommen.

Die Bio-Anbauverbände

Bioland, Demeter und Naturland sind biologische Anbauverbände, die im Gegensatz zu den Richtlinien des EU-Bio-Siegels eine komplette Betriebsumstellung fordern. Die Verbände stellen zwar größtenteils gleiche Flächenanforderungen für die Vergabe ihrer Bio-Siegel wie EU-Bio, haben aber im Tierschutzbereich höhere Anforderungen. Gentechnisch veränderte sowie tierische Futtermittel wie Schlachtabfälle sind komplett verboten. Die Bio-Anbauverbände verbieten zudem die ausschließliche Fütterung mit Silage.

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Bioland – traditionell organisch-biologisch

Die organisch-biologische Anbaumethode wurde vor 1951 entwickelt. Ziel war es, eine Alternative zu der sich entwickelnden Intensivlandwirtschaft zu schaffen und traditionelle Anbauverfahren beizubehalten. Bioland als Verband für ökologischen Landbau gibt es unter diesem Namen seit 1978. Schon 2008 entwickelte Bioland ein „Handbuch zum Tiergesundheitsmanagement“, mithilfe dessen die Tiere nach einem Ampelsystem untersucht werden. Bei rot und gelb kommt ein Berater auf den Hof und hilft, Mängel zu beheben. Körperliche Eingriffe wie Anbindehaltung und Enthornung sind unter gewissen Umständen allerdings erlaubt.

Anbindehaltung rechtfertigt Bioland damit, dass traditionelle Kleinbetriebe oft keine andere Möglichkeit haben, verpflichtend ist dafür jedoch mindestens eine Außenfläche mit Freigang oder bestenfalls Weidegang. Enthornung ist ebenfalls erlaubt, wenn Verletzungsgefahr für andere Tiere oder Menschen besteht.

Demeter – biologisch-dynamische Landwirtschaft

Der biologisch-dynamische Anbau wurde 1924 von Rudolf Steiner entwickelt. Er stützt sich auf die Anthroposophie, einer geisteswissenschaftlichen Anschauung des Zusammenspiels von Mensch und Umwelt. Ein Demeter-Hof soll Artenvielfalt und Selbstversorgung anstreben, um ein sich selbst erhaltender Organismus zu werden. Das Halten von Tieren, meist Rindern, ist daher verpflichtend.

Eine Besonderheit ist außerdem die Verwendung von biologisch-dynamischen Präparaten (z. B. zur „Schädlingsbekämpfung“). So ist die Verwendung von Hornmist und anderen tierischen Produkten gängige Praxis, um Boden, Pflanzen und Tiere „für die kosmischen und geistigen Kräfte [zu] öffnen“, heißt es dazu in den Leitlinien. Die tierischen Produkte stammen dabei wenn möglich aus eigener Produktion. Fehlende Regelungen zum Transport und der Schlachtung begründet Renée Herrnkind, Pressesprecherin von Demeter, damit, dass nur in zertifizierten Demeter-Schlachthöfen geschlachtet werden dürfe und ein Leiden des Tieres mit der Demeter-Philosophie unvereinbar sei.

Naturland – Landwirtschaft mit sozialer Komponente

Der 1982 gegründete Bio-Anbauverband setzt sich nicht nur weltweit für ökologische Landwirtschaft, sondern auch für fairen Handel ein. Als Antwort auf die Geflügel-Skandale bei Naturland im Jahr 2012 wurde eine Tierärztin eingestellt, welche die Richtlinien überarbeitet und eine Checkliste für Kontrollen entwickelt hat. Großkonzerne wie Tiemann sollen in bäuerliche Privatbetriebe aufgeteilt werden, um der Tierausbeutung entgegenzusteuern.

Grund für körperliche Eingriffe wie Anbindehaltung und Enthornung ist laut Ralf Alsfeld, Pressesprecher von Naturland, dass der Verband möglichst allen ermöglichen möchte, ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Daher gibt es Betriebe, welche die Mindeststandards erfüllen und andere, die weit darüber liegen. Naturland empfiehlt seinen Kunden übrigens eine Fleischreduktion auf den Sonntagsbraten, um eine natürliche Symbiose zwischen Mensch, Tier und Umwelt wiederherzustellen und verweist auch auf ökologische Folgen und die Ausbeutung der Entwicklungsländer durch übermäßigen Fleischkonsum.

Vor dem Schlachter sind alle Tiere gleich

Dass es den Tieren im Ökolandbau teils „besser“ geht als in der konventionellen Landwirtschaft, heißt nicht unbedingt, dass sie glücklich sind. Und selbst wenn sie gut versorgt sind, werden sie doch ihrer Freiheit beraubt und ihre Körper für die Zwecke des Menschen benutzt. Beim Transport zum Schlachthof und der anschließenden Schlachtung gelten auch für Tiere aus Bio-Betrieben konventionelle Regeln. Darum sind verletzte Tiere im Transporter, unzureichende Betäubung und das Miterleben des eigenen Verblutens auch in der Bio-Welt alltäglich. Dass es auch anders geht, zeigt die biovegane Landwirtschaft.

Grundsätze bioveganer Landwirtschaft

Erste Konzepte der bioveganen Landwirtschaft gibt es bereits seit über 100 Jahren. Im Jahr 1996 wurde das „Vegan Organic Network“ (VON) in England gegründet, das verbindliche Richtlinien für den bioveganen Landbau entwickelt hat – der deutsche Ableger nennt sich „Bio-Veganes Netzwerk“ (BVN). Ein bioveganer Land- und Gartenbau verbindet die Ideale der biologischen Landwirtschaft mit den Grundsätzen des Veganismus. In der bioveganen Landwirtschaft wird der Umgang mit Tieren kritisch hinterfragt. Es wird also auf kommerzielle Tierhaltung sowie Düngemittel von „Nutztieren“ verzichtet, die Schlachtabfälle wie Hornspan, Blut- und Knochenmehl enthalten. Stattdessen kommen pflanzliche Dünger zum Einsatz und nachhaltige Fruchtfolgen gehören zum Standard. Bioveganes Anbauen und Bewirtschaften bedeutet, ressourcenschonend sowie umwelt- und tierfreundlich zu handeln. Ein guter Umgang mit der Natur ist maßgebend, ebenso der Erhalt der Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit.

Hätten Sie’s gewusst?

Hätten Sie’s gewusst?

Tierische Bestandteile in Düngern wie Hornspan, Blut- und Knochenmehl werden meist nicht deklariert, sondern unter der Bezeichnung „organischer NPK-Dünger“ geführt.

Ziele und Vorteile bioveganer Landwirtschaft

Tiere und ihre Ausscheidungen seien für eine nachhaltige Landwirtschaft notwendig, heißt es oft. Doch inzwischen wirtschaften immer mehr Betriebe biovegan und beweisen, dass es auch anders geht. Der Fokus eines bioveganen Hofes liegt auf dem lokalen und regionalen Anbau und Vertrieb. Neben ethischen Aspekten, die den Tieren ein Recht auf Freiheit, Leben und körperliche Unversehrtheit garantieren, werden Ressourcen schonender behandelt sowie die Artenvielfalt gefördert. Während die konventionelle Landwirtschaft das Grundwasser verunreinigt, schützt die biovegane Landwirtschaft nachhaltig unsere Gewässer.

Familie Langerhorst aus Österreich beispielsweise beweist seit über 25 Jahren, dass sich biovegane Landwirtschaft lohnt. Durch reines Gärtnern benötigt die Familie weniger Land als konventionelle Betriebe und kann damit sogar gänzlich auf Maschinen verzichten. Selbstversorgung ist für die Betreiber schon seit Jahren möglich. Zudem können sie Abokisten für ihre Kunden zur Verfügung stellen.

Pflanzliche Dünger statt Gülle und Mist

Tiere entziehen ihrem Futter Nährstoffe und ihre Ausscheidungen waschen sich sehr schnell aus, weshalb tierische Dünger weniger wertvoll für den Boden sind als Kompost aus derselben Grünmasse. Um Nährstoffe in den Boden zurückzuführen, gibt es verschiedene Wege. Die wesentliche Innovation der bioveganen Landwirtschaft ist das Weglassen aller tierischen und synthetischen Dünger. Stattdessen bleibt durch rein pflanzlichen Kompost, Gründüngung, Mulch oder rein pflanzlich gewonnene Schwarzerde (Terra preta) eine gute Bodenqualität erhalten. Leguminosen wie Lupinen und Erbsen führen dem Boden wertvollen Stickstoff aus der Luft zu.

Eine geregelte und ausgewogene Fruchtfolge erbringt die bestmögliche Ernte und vermeidet, dass dem Boden einseitig Nährstoffe entzogen werden. Verwendet werden Pflanzen aus Bio-Zucht und samenfeste Sorten, die gentechnische Veränderungen ausschließen.

Wildtiere gehören zum bioveganen Landbau

Durch das Anlocken von „Nützlingen“ wird die Anzahl sogenannter Schädlinge ohne den Einsatz chemischer Bekämpfungsmittel gering gehalten. Daher sind wild lebende Tiere in der nachhaltigen Landwirtschaft explizit erwünscht. So werden gezielt Lebensräume für beispielsweise Eidechsen oder Igel geschaffen und dadurch die Artenvielfalt geschützt. Besonders Bodentiere wie Engerlinge, Drahtwürmer oder Wühlmäuse spielen eine große Rolle für die Erhaltung und Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Deshalb wird der Boden schonend bearbeitet.

Schnecken beispielsweise werden durch die in bestimmten Kräutern enthaltenen ätherischen Öle ferngehalten. Gezieltes Anlegen von Hecken und Wasserstellen lockt außerdem natürliche Gegenspieler von Insekten und Schnecken an. Andere Möglichkeiten, Pflanzen zu schützen, sind Kulturschutznetze, Pflanzenhüte oder Hochbeete.

Unterschied zwischen viehlosen und veganen Betrieben

Sogenannte „viehlose“ Betriebe halten zwar selbst keine Tiere, verwenden aber meist tierischen Dünger. Neben Gülle und Mist aus Tierhaltungsbetrieben ist auch der Einsatz von Haarpellets, Knochen-, Blut- oder Hornmehl üblich. Solche Betriebe können zur Bekämpfung von Nagetieren außerdem auch Tötungsfallen oder Mittel zur Hemmung der Blutgerinnung nutzen. Bei viehlosen Betrieben, die nicht vegan wirtschaften, sollte man also ganz genau hinschauen.

Solidarische Landwirtschaft für gerechte Verteilung

Zum Konzept des bioveganen Landbaus gehört es, Tierausbeutung zu vermeiden, Ressourcen zu schonen und enge Stoffkreisläufe zu schaffen. Daher wird auf möglichst regionale Erzeugung und Vermarktung sowie dezentrale Strukturen Wert gelegt. Es entstehen immer mehr Projekte mit dem Konzept einerSolidarischen Landwirtschaft (Abkürzung SoLaWi, englisch CSA), in denen eine Gemeinschaft von Teilhabern die Risiken und Kosten zusammen trägt und sich Gewinne fair teilt.

In Verbindung mit der Solidarischen Landwirtschaft taucht oftmals auch der Begriff „Urban Gardening” auf, was so viel bedeutet wie „städtischer Gartenbau”. Genutzt werden vor allem meist kleinräumige, städtische Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten oder in deren direktem Umfeld. Die nachhaltige Bewirtschaftung, die umweltschonende Produktion und ein bewusster Konsum der landwirtschaftlichen Erzeugnisse stehen im Vordergrund.

Nachhaltige Landwirtschaft als zukunftsfähige Perspektive

Die Probleme der Massentierhaltung samt Grausamkeiten vor und während der Schlachtung ergeben sich bei der bioveganen Landwirtschaft nicht. Darüber hinaus ist der biovegane Landbau die Landwirtschaftsform mit den positivsten Effekten auf alle Hauptumweltprobleme und den Klimawandel. Auf Pestizide wird dabei ebenso verzichtet wie auf gentechnisch veränderte Organismen. Eine Vielfalt an Pflanzenarten verhindert die Ausbreitung sogenannter Schädlinge und wird durch Mischkulturen und eine ausgewogene Fruchtfolge gefördert. Meist fällt auch der Einsatz von Maschinen deutlich geringer aus. Da die Erdölvorkommen immer knapper werden, könnte die zukünftige Versorgung mit Lebensmitteln durch die biovegane Landwirtschaft besser gewährleistet werden.

Wer auch beim Anbau tierische Produkte vermeiden möchte, kann Obst, Gemüse und Co. von einem bioveganen Betrieb beziehen. Obwohl das biovegane Konzept im deutschsprachigen Raum noch nicht sehr verbreitet ist, gibt es bereits einige Anbieter, an die man sich wenden kann.

  • Viehlose Betriebe und bio-vegane Betriebe

    Biovegane Landwirte vermeiden aus einer ethischen Überzeugung heraus jegliche Zufuhr tierischer Bestandteile in den Betriebsablauf und streben eine völlige Entkopplung vom Sektor der so genannten „tierischen Produktion“ an. Der VEBU hat eine Liste mit viehlosen und bioveganen Betrieben zusammengestellt. Weiterlesen…

Befindet sich kein bioveganer Hof in der Nähe, kann man Kräuter, Obst und Gemüse auch einfach selbst anbauen. Ganz egal ob Gemeinschaftsgarten, Hochbeet, Balkon oder Fensterbank: Biovegan gärtnern kann jeder.

 Dieser Artikel ist ein Gemeinschaftsprojekt folgender, teils ehemaliger Mitarbeiter des VEBU: Kristin Höhlig (Bildungsreferentin für nachhaltige Entwicklung), Uta Mathes, Lea Oehler und Nadine Weckerle.