Peter Singer – Alle Tiere sind gleich

Karnismus: Grundlagen der Theorie Bild: Edgar’s Mission

„Befreiung der Tiere“, das klingt möglicherweise eher nach einer Parodie auf andere Befreiungsbewegungen als nach einem ernsthaft anzustrebenden Ziel. Tatsächlich diente die Vorstellung eines „Rechts der Tiere“ einmal dazu, die Argumente für die Rechte der Frauen ins Lächerliche zu ziehen. Als Mary Wollstonecraft, eine frühe Feministin, 1792 ihr Buch „A Vindication of the Rights of Women“ [Eine Verteidigung der Rechte der Frauen] veröffentlichte, hielten viele ihre Ansichten für absurd, und es dauerte nicht lange, bis ein anonymes Werk erschien, das den Titel „Eine Verteidigung der Rechte der Tiere“ trug. Der Verfasser dieser Satire (es ist mittlerweile bekannt, dass es Thomas Taylor war, ein angesehener Philosophieprofessor an der Universität Cambridge) versuchte Mary Wollstonecrafts Argumente zu widerlegen, indem er zeigte, dass sie sich noch einen Schritt weiter führen ließen. Denn wenn die Gleichheitsargumente für die Frauen gültig waren, warum sollte man sie dann nicht auch auf Hunde, Katzen und Pferde anwenden können?

Was behaupten wir eigentlich, wenn wir sagen, alle Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Glaubens oder ihres Geschlechts seien gleich? Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass die Menschen in vielerlei Hinsicht verschieden sind: Sie sind unterschiedlich groß und sehen unterschiedlich aus; sie haben unterschiedliche moralische und intellektuelle Fähigkeiten, sie unterscheiden sich im Ausmaß ihres Wohlwollens und ihrer Empfindsamkeit gegenüber den Bedürfnissen anderer, sie verfügen über unterschiedliche Möglichkeiten, sich mit ihren Mitmenschen zu verständigen, und sie haben ein unterschiedliches Erleben von Freude und Schmerz. Kurz gesagt: Wenn die Forderung nach Gleichheit auf dem tatsächlichen Gleichsein aller Menschen beruhte, müssten wir sie aufgeben.

Dass es individuelle Schwankungen gibt, die sich mit der Geschlechts- oder Rassenzugehörigkeit überschneiden, liefert uns aber noch keine Antwort auf ein etwas ausgefalleneres Argument gegen die Gleichheit. Jemand könnte sagen, die Interessen all der Menschen mit einem Intelligenzquotienten unter 100 sollten weniger berücksichtigt werden als die Interessen derer mit einem Wert von über 100. In einer solchen Gesellschaft würde man vielleicht jene mit einem Wert unter 100 zu Sklaven derer mit höheren Werten machen. Wäre eine solche hierarchische Gesellschaft wirklich besser als eine, deren Hierarchie sich auf Rasse oder Geschlecht gründet? Ich glaube nicht. Aber wenn wir das moralische Gleichheitsprinzip mit der tatsächlichen Gleichheit der Rassen und Geschlechter als Ganzes verknüpfen, dann liefert uns unsere Ablehnung von Rassismus und Sexismus keine Grundlage, auf der wir gegen eine Position der Ungleichheit wie die zuletzt beschriebene argumentieren könnten.

Glücklicherweise ist es aber nicht notwendig, dass wir das Argument für die Gleichheit vom bestimmten Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung abhängig machen. Die angemessene Antwort auf jene, die behaupten, genetisch bedingte Unterschiede in den Fähigkeiten der einzelnen Rassen oder Geschlechter beweisen zu können, besteht nicht im Beharren darauf, dass diese genetische Erklärung falsch sein muss, welcher Gegenbeweis auch immer auftauchen mag. Vielmehr sollten wir klar und deutlich sagen, dass die Gleichheitsforderung nicht abhängt von Intelligenz, moralischen Fähigkeiten, Körperkraft oder ähnlichen faktischen Gegebenheiten. Gleichheit ist eine moralische Vorstellung und keine Tatsachenbehauptung. Es gibt keinen logisch zwingenden Grund anzunehmen, dass ein tatsächlich bestehender Unterschied in den Fähigkeiten zweier Menschen es rechtfertigt, auch deren Bedürfnisse und Interessen in unterschiedlichem Ausmaß zu berücksichtigen. Das Prinzip der Gleichheit aller Menschen ist nicht die Beschreibung einer angenommenen tatsächlichen Gleichheit der Menschen, sondern es ist eine Vorschrift, die uns sagt, wie wir andere Menschen behandeln sollen.
Jeremy Bentham, der Begründer der reformerischen utilitaristischen Schule der Moralphilosophie, nahm die wesentliche Grundlage der moralischen Gleichheit in sein ethisches System auf durch die Formel:

Jeder zählt als einer und keiner mehr als einer.

Mit anderen Worten heißt das, dass die Interessen eines jeden Wesens, das durch eine Handlung betroffen ist, berücksichtigt und gleichermaßen gewichtet werden müssen wie die entsprechenden Interessen eines jeden anderen Wesens.

Die Forderung, dass unsere Rücksichtnahme auf andere und unsere Bereitschaft, ihre Interessen zu erwägen, nicht davon abhängen sollte, wie diese anderen beschaffen sind oder welche Fähigkeiten sie besitzen, ist eine Implikation dieses Prinzips der Gleichheit. Was diese Rücksichtnahme und Interessenabwägung im einzelnen von uns verlangt, hängt von der Eigenschaft derer ab, die von unserem Handeln betroffen sind: Rücksicht auf das Wohlergehen von Kindern, die in Amerika aufwachsen, würde verlangen, dass wir diese Kinder Lesen und Schreiben lehren; geht es um das Wohlergehen von Schweinen, so würde dies vermutlich nicht mehr erfordern, als sie zusammen mit anderen Schweinen leben zu lassen, mit genügend Futter und genug Platz, um sich frei zu bewegen. Aber das grundlegende Element – die Berücksichtigung der Interessen des jeweiligen Lebewesens, was auch immer diese Interessen sein mögen – muss gemäß dem Prinzip der Gleichheit auf alle Lebewesen ausgedehnt werden, ganz gleich ob sie schwarz oder weiß sind, männlich oder weiblich, menschlich oder nichtmenschlich.

Thomas Jefferson, dem zu verdanken ist, dass das Prinzip der Gleichheit in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung aufgenommen wurde, hat das sehr wohl gesehen. Deshalb wandte er sich gegen die Sklaverei, obwohl er sich von seinem eigenen Hintergrund der Sklavenhaltung nicht ganz befreien konnte. In einem Brief an den Verfasser eines Buches, das die bemerkenswerten intellektuellen Leistungen der Schwarzen gegen die damals verbreitete Meinung hervorhob, dass Schwarze nur beschränkte intellektuelle Fähigkeiten besitzen, schrieb er:

Seien Sie versichert, dass kein lebender Mensch aufrichtiger als ich die vollständige Widerlegung der Zweifel wünscht, die ich selbst über den Grad der Verständigkeit gehegt und zum Ausdruck gebracht habe, die ihnen die Natur zugemessen hat, und zu finden, dass sie uns ebenbürtig sind.., aber wie hoch auch immer der Grad ihrer Gaben sein mag, ist dies kein Maß für ihre Rechte. Nur weil Sir Isaac Newton andere geistig überragte, war er noch nicht Herr über deren Eigentum und Person.

Das gleiche Argument, allerdings in einer etwas weniger gewählten Formulierung, benutzte die bemerkenswerte schwarze Feministin Sojourner Truth, als in den 1850er Jahren in den Vereinigten Staaten die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frauen aufkam. In einer feministischen Versammlung sagte sie:

Sie reden über dieses Ding im Kopf, wie nennen sie es? [„Intelligenz“, flüsterte jemand in der Nähe.] Ganz richtig. Was hat das zu tun mit den Rechten der Frauen oder den Rechten der Schwarzen? Wenn in meine Schale nur ein halber Liter reinpasst, in deine aber ein ganzer, wäre es dann nicht gemein von dir, wenn du mir nicht einmal diesen halben Liter randvoll gönnen würdest?

Von genau dieser Basis muss die Argumentation gegen Rassismus und Sexismus letztlich ausgehen. Und in Übereinstimmung mit diesem Prinzip muss auch die Haltung, die wir in Analogie zu „Rassismus“ als „Speziesismus“ bezeichnen, verurteilt werden. Speziesismus ist ein Vorurteil oder eine Haltung der Voreingenommenheit zugunsten der Interessen der Mitglieder der eigenen Spezies und gegen die Interessen der Mitglieder anderer Spezies. Es sollte klar sein, dass die grundsätzlichen Einwände gegen Rassismus und Sexismus, die Thomas Jefferson und Sojourner Truth formuliert haben, auch auf den Speziesismus anwendbar sind. Wenn die höhere Intelligenz eines Menschen ihn nicht berechtigt, andere Menschen für seine oder ihre Zwecke zu benutzen, wie kann sie dann Menschen dazu berechtigen, nichtmenschliche Lebewesen für diese Zwecke auszubeuten?

Viele Philosophen und andere Autoren haben behauptet, das Prinzip der gleichen Berücksichtigung der Interessen sei, in der einen oder anderen Form, ein grundlegendes moralisches Prinzip. Aber nicht viele von ihnen haben erkannt, dass dieses Prinzip auf Mitglieder anderer Spezies genauso anzuwenden ist wie auf die Mitglieder unserer eigenen Spezies. Jeremy Bentham war einer der wenigen, die das gesehen haben. In einer Zeit, als zwar die Franzosen die Sklavenhaltung schon abgeschafft hatten, Sklaven in den britischen Gebieten aber immer noch so behandelt wurden, wie wir heute Tiere behandeln, schrieb Bentham einige Sätze, in denen er über seine eigene Zeit hinausblickte:

Der Tag wird kommen, an dem auch den übrigen lebenden Geschöpfen die Rechte gewährt werden, die man ihnen nur durch Tyrannei vorenthalten konnte. Die Franzosen haben bereits erkannt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist, einen Menschen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern. Eines Tages wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des Steißbeins sämtlich unzureichende Gründe sind, ein empfindendes Lebewesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Aber welches andere Merkmal könnte die unüberwindliche Grenzlinie sein? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu sprechen? Doch ein erwachsenes Pferd oder ein erwachsener Hund sind weitaus verständiger und mitteilsamer als ein Kind, das einen Tag, eine Woche oder sogar einen Monat alt ist. Doch selbst, wenn es nicht so wäre, was würde das ändern? Die Frage ist nicht: Können sie denken? oder: Können sie sprechen? sondern: Können sie leiden?

In diesem Abschnitt beschreibt Bentham die Fähigkeit zu leiden als die wesentliche Eigenschaft, die einem Lebewesen das Recht auf gleiche Berücksichtigung seiner Interessen verleiht.

Wenn ein Wesen leidet, kann es keine moralische Rechtfertigung dafür geben, dieses Leiden nicht zu berücksichtigen. Wie auch immer dieses Wesen beschaffen sein mag, das Prinzip der Gleichheit verlangt, dass – soweit ein grober Vergleich überhaupt möglich ist – sein Leiden genauso zählt wie ein entsprechendes Leiden irgendeines anderen Wesens.

Die Rassisten verletzen das Prinzip der Gleichheit, indem sie in Interessenkonflikten zwischen Mitgliedern der eigenen und einer anderen Rasse die Interessen der Mitglieder ihrer eigenen Rasse stärker gewichten. Sexisten verletzen das Prinzip der Gleichheit, indem sie die Interessen des eigenen Geschlechts bevorzugen. Und genauso räumen Speziesisten den Interessen der eigenen Spezies Vorrang ein vor den stärkeren Interessen von Mitgliedern anderer Spezies. Das Muster ist in jedem dieser Fälle dasselbe. Die meisten Menschen sind Speziesisten … ganz normale Menschen – nicht nur einige wenige, die besonders grausam oder herzlos sind, sondern die überwältigende Mehrheit der Menschen – haben an Praktiken Anteil …, die die wichtigsten Interessen von Mitgliedern anderer Spezies opfern, um denkbar triviale Interessen unserer eigenen Spezies zu befriedigen. Sei es, dass sie selbst aktiv an solchen Praktiken teilnehmen, oder sei es, dass sie diese stillschweigend dulden und erlauben, dass ihre Steuergelder dafür ausgegeben werden… Selbst wenn wir nur dann vermeiden müssten, Tieren Leid zuzufügen, wenn es ganz sicher ist, dass die Interessen von Menschen auch nicht annähernd in dem Maß betroffen sind wie die von Tieren, wären wir gezwungen, radikale Veränderungen in unserer Behandlung von Tieren vorzunehmen. Betroffen wären unsere Ernährung, unsere Formen der landwirtschaftlichen Tierhaltung, Experimente in vielen wissenschaftlichen Bereichen, unser Verhältnis zu Wildtieren und zur Jagd, zum Fallenstellen und Tragen von Pelzen und auch Bereiche der Unterhaltung wie Zirkusse, Rodeos und Zoos. Die Folge wäre, dass ein großes Ausmaß an Leid vermieden würde.

Dieser Text stammt aus dem Buch „Animal liberation – Die Befreiung der Tiere“ von Peter Singer. Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags. Mittlerweile ist das Buch im Harald Fischer Verlag erschienen. Mehr dazu hier: „Animal liberation – Die Befreiung der Tiere