Für Tierschützer steht in erster Linie die „artgerechte“ Haltung von Tieren im Vordergrund. Die Tierrechtsbewegung geht einen Schritt weiter und fordert eine moralische Berücksichtigung von Tieren in allen Belangen.

Tiere spielen eine zentrale Rolle in unserem Leben. Auf der einen Seite essen wir ihr Fleisch, trinken ihre Milch, tragen ihr Leder und schlafen auf ihren Federn. Diese Tiere nennen wir „Nutztiere“, die wir meist auf sehr beengtem Raum in großen Hallen mit hunderten ihrer Artgenossen leben und leiden lassen. Auf der anderen Seite lassen wir Hunde und Katzen in unseren Wohnungen als Familienmitglieder leben, halten Vögel in Käfigen und Fische in Glaskästen. Diese Tiere nennen wir „Haustiere“, die eine besondere Stellung in unserer Gesellschaft haben.

Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrecht

Tierquälerei empfinden die meisten Menschen als unerträglich – egal ob bei sogenannten Nutztieren oder Haustieren. Eigentlich möchte kein Mensch, dass ein Tier für ihn leidet. Dabei gibt es zwei verschiedene Ansätze. Zum einen gibt es den Tierschutz, welcher sich laut Definition für ein „artgerechtes“ Leben der Tiere ohne das Zufügen von unnötigen Leiden, Schmerzen und Schäden einsetzt. Für Tierschützer steht in erster Linie die „artgerechte“ Haltung und Nutzung von Tieren durch den Menschen im Vordergrund.

Zum anderen gibt es die Tierrechte, welche über den Gedanken des Tierschutzes hinausgehen. Hier werden den Tieren bestimmte Rechte zugesprochen und das Nutzrecht durch den Menschen tritt hinter ein Selbstbestimmungsrecht des Tieres zurück. Dies wird damit begründet, dass bereits die Nutzung der Tiere – beispielsweise in der Landwirtschaft oder Forschung – mit einer Schädigung der Tiere verbunden ist.

Lebenswertes Leben

Viele Konsumenten hoffen beim Kauf tierischer Produkte, dass die Tiere „artgerecht“ gehalten wurden, was gemeinhin mit glücklichen Tieren assoziiert wird. Darüber hinaus stellen sich nur wenige Konsumenten die Frage, was ein Leben lebenswert macht. Zum Beispiel muss „satt sein“ nicht automatisch bedeuten, dass ein Lebewesen auch glücklich ist. Sogenannte Nutztiere werden stark beeinträchtigt und können ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten in den gängigen Haltungsformen kaum oder gar nicht ausleben. Ihre Familien werden auseinandergerissen, sie können sich kaum fortbewegen und werden bereits in jungen Jahren getötet.

Gedankenexperiment

Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden Ihr Leben lang gemeinsam mit mindestens 1.000 fremden Menschen in einem Raum eingeschlossen sein. Sie bekommen regelmäßig Essen sowie Trinken und die Exkremente werden entfernt. Würden Sie dies als ein glückliches Leben bezeichnen?

Tierrechte fordern subjektive Rechte für Tiere

Die Tierrechtsbewegung fordert eine moralische Berücksichtigung von Tieren in allen Belangen und spricht ihnen subjektive Rechte zu. Die Bewegung ist stark geprägt von bedeutenden Philosophen wie Peter Singer, Tom Regan und Jeremy Bentham. Sie machen deutlich, dass das grundlegende Gleichheitsprinzip nicht gleiche Behandlung fordert, sondern gleiche Berücksichtigung. So stammt von Bentham der bekannte Satz: „Die Frage ist nicht ‚Können sie denken?‘ oder ‚Können sie sprechen?‘, sondern ‚Können sie leiden?‘.“

Fähigkeit zu leiden ist entscheidend für Tierrechte

Für Jeremy Bentham ist die Leidensfähigkeit die entscheidende Eigenschaft, die einem Lebewesen das Recht zur gleichen moralischen Berücksichtigung gibt. Auch die deutsche Journalistin Hilal Sezgin gibt in ihrem Werk „Artgerecht ist nur die Freiheit“ zu verstehen, dass ein Tier, ein Kleinkind, eine an Demenz leidende Person oder ein Mensch in einer extremen Krisensituation womöglich nicht in der Lage sind, moralisch zu denken und zurechnungsfähig zu handeln. Dadurch verlieren sie aber nicht ihren Anspruch darauf, selbst moralisch berücksichtigt zu werden.

Verfügungsrecht am eigenen Leib

Die Vergabe von Rechten an Tiere bedeutet nicht die rechtliche Gleichstellung von Mensch und Tier. Vielmehr soll den Tieren ein Verfügungsrecht am eigenen Leib zugesprochen und damit die gängige Praxis, Tiere als Eigentum oder Handelsgut zu betrachten, abgeschafft werden. Ein Tier sein Leben lang auf engstem Raum einzusperren, wäre dadurch zum Beispiel nicht mehr ohne Weiteres möglich. Der chilenische Umweltjurist Godofredo Stutzin sagte mit Blick auf die Tiere und ihre Rechte in unserer Gesellschaft: „Wer Rechte hat, wird geachtet, wer keine Rechte hat, wird verachtet.“

Tiere gelten als Objekte

Das Gesetz unterscheidet zwischen Subjekten und Objekten. Subjekte sind natürliche und juristische Personen und damit Träger von Rechten und Pflichten. Objekte sind Sachen und Tiere und gelten damit nur als Gegenstand dieser Rechte und Pflichten. Demnach gilt es als Sachbeschädigung, wenn ein fremdes Tier, das im Besitz eines anderen ist, getötet oder diesem Leid zugefügt wird. Beide Fälle werden nach § 303 StGB mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft.

Hunde, Katzen und Primaten haben im Tierschutzgesetz eine „Sonderstellung“. Sie dürfen zu wissenschaftlichen Zwecken nur genutzt und getötet werden, wenn sie extra für Tierversuche gezüchtet worden sind .

Tierschutzgesetz bietet zu großen Interpretationsspielraum

Das aktuelle Tierschutzgesetz spricht von „der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf, dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“ ist. Es fordert jeden, der ein Tier hält oder betreut, dazu auf, dieses Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen zu ernähren, zu pflegen und verhaltensgerecht unterzubringen. Betrachtet man die Massentierhaltung genauer, ist es äußerst fragwürdig, inwiefern dieses Gesetz überhaupt eingehalten wird oder ob es einfach einen zu großen Interpretationsspielraum gibt. Das verdeutlicht die Notwendigkeit von Tierrechten.

Hätten Sie’s gewusst?

Hätten Sie’s gewusst?

Analog zu dem Wort „Rassismus“ wurde der Begriff „Speziesismus“ von dem britischen Psychologen Richard Ryder eingeführt. Dies soll die Unterteilung in Spezies als soziales Konstrukt deutlich machen und als Unterdrückungsform mit Parallelen zum Rassismus oder Sexismus unter Menschen gesehen werden.

Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit

Die Rechte, die wir selbst für uns in Anspruch nehmen, enthalten wir anderen durch Diskriminierung vor. Allerdings ist Diskriminierung ethisch inakzeptabel, unabhängig davon, ob sie auf Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Artzugehörigkeit basiert. So haben Hunde und Schweine die gleiche Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden. Lediglich unsere Diskriminierung erlaubt uns, den einen als Gefährten und den anderen als Abendessen anzusehen.

Karnismus erkennen

Karnismus erkennen

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, das sie vor eine Wahl stellt. Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen.

Recht und Ethik sind unteilbar

Ein wichtiger Zusammenhang von Menschen- und Tierrechten ergibt sich aus der Unteilbarkeit von Recht und Ethik. Kriminologische Untersuchungen haben nachgewiesen, dass der fürsorgliche und verantwortungsbewusste Umgang mit Tieren allgemein den Respekt vor dem Leben fördert. Werden also bereits Tiere und nicht nur Menschen moralisch berücksichtigt, wird der Gerechtigkeitssinn gestärkt und gefördert. Offizielle Rechte für benachteiligte Gruppen haben seit jeher Zeichen gesetzt und zu einer gesamtgesellschaftlichen Verbesserung geführt.

Im Sinne des Speziesismus muss also der Glaube, eine andere Spezies sei weniger wert als die eigene, hinterfragt werden. Da der Mensch biologisch betrachtet selbst ein Säugetier ist, verwenden sogar viele Tierrechtler bewusst die Begriffe menschliche und nicht-menschliche Tiere, um darauf hinzuweisen, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen.

Im Tierrecht ist Veganismus die Praxis

Tierrechte bedeuten, den Gebrauch von Tieren zum Gewinn von Nahrung oder Kleidung, zur Unterhaltung oder zu Forschungszwecken abzulehnen. In der Praxis wird also der ethisch begründete Veganismus befürwortet. Um eine weniger gewalttätige Gesellschaft zu schaffen, in der Tiere und Menschen im Einklang leben können, müssen also neue Formen des Produzierens, des Konsumierens und auch des Genießens geschaffen werden.

Tierrechte machen bestehende Strukturen als veränderbar begreifbar

Die Forderungen nach Tierrechten erscheinen zunächst radikal. Doch radikale Forderungen sind häufig nötig, um gesellschaftliche Strukturen, bisherige Wissensordnungen und kulturelle Formationen als veränderbar begreifbar zu machen. Auch wenn die Anerkennung von Tierrechten zunächst bedeutet, gewisse Dinge nicht mehr zu tun, bestehen die Forderungen der Tierrechtsbewegung nicht ausschließlich aus Verboten und Verzicht. Vielmehr kann eine neue Lebensweise entstehen, bei der Mensch und Tier gleichermaßen Zufriedenheit finden.

Anna-Lena Klapp BSc. Ernährungswissenschaftlerin

Autorin

Anna-Lena Klapp BSc. Ernährungswissenschaftlerin

Blog - veggietale.de