Tierversuche und die Bekämpfung von Krankheiten

Bildquelle: shutterstock.com / Yurchyks

Häufig hört man, Tierversuche seien notwendig, um Krankheiten zu heilen. Zahlreiche Fakten zeigen aber, dass diese nicht nur gegenüber den Tieren, sondern auch gegenüber den Menschen verantwortungslos sind.

Jedes Jahr lassen Abertausende Versuchstiere wie Mäuse, Fische und Schweine ihr Leben für die Forschung. Eine Reduktion der Anzahl missbrauchter Tiere ist nicht in Sicht. Allein 2015 wurden nach offiziellen Angaben mehr als 2,75 Millionen Tiere in deutschen Forschungslaboren verwendet.1 Laut dem Verein Ärzte gegen Tierversuche tauchen in der Statistik nicht alle für Forschungszwecke getöteten Tiere auf. Die tatsächliche Anzahl beläuft sich demnach auf 2,5-mal so hoch, wie offiziell angegeben.2 Dies würde für das Jahr 2015 eine Dunkelziffer von rund 6,87 Millionen Versuchstieren bedeuten.

tierversuche verwendete tiere

Wissenschaft ohne Tierversuche bedeutet medizinischer Fortschritt

Viele Menschen glauben, dass sie auf Medikamente verzichten müssen und die Erforschung menschlicher Krankheiten zum Erliegen kommt, wenn es keine Tierversuche mehr gibt, in denen potenzielle neue Medikamente oder Behandlungsmethoden entwickelt und getestet werden können. Ein Ende der Tierversuche bedeutet jedoch nicht das Ende des medizinischen Fortschritts.

Die meisten Krankheiten kommen bei Tieren nicht vor

Bei allen Heilversprechen der Verfechter des Tierversuchs darf man eines nicht vergessen: Da die meisten menschlichen Krankheiten bei Tieren nicht vorkommen, werden die Symptome auf künstliche Weise in sogenannten „Tiermodellen“ nachgeahmt.

Bei Tieren werden Parkinson, Krebs und Diabetes künstlich ausgelöst

Um zum Beispiel Parkinson auszulösen, wird bei Affen und anderen Tieren ein Nervengift in das Gehirn injiziert, das Hirnzellen zerstört. Bei Mäusen wird Krebs durch Genmanipulation oder Injektion von Krebszellen hervorgerufen. Einen Schlaganfall versucht man, durch das Einfädeln eines Fadens in eine Hirnarterie bei Mäusen zu simulieren. Zuckerkrankheit wird durch Injektion eines Giftes in Ratten erzeugt, das die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört. Einen „menschlichen“ Herzinfarkt ahmt man an Hunden durch Zuziehen einer von außen bedienbaren Schlinge um ein Herzkranzgefäß nach.

Mensch und Tier unterscheiden sich grundlegend

Die am Tier künstlich hervorgerufenen „Krankheiten“ haben mit den menschlichen Symptomen, die man zu simulieren versucht, jedoch nichts gemein. Tierarten untereinander sowie Mensch und Tier unterscheiden sich grundlegend in Körperbau und Stoffwechsel. Auch wichtige Aspekte der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, der Einfluss von Suchtmitteln, schädlichen Umwelteinflüssen, Stress sowie psychischen und sozialen Faktoren werden gänzlich außer Acht gelassen. Ergebnisse aus Studien mit Tieren sind daher irreführend und tragen nichts zum Verständnis über menschliche Krankheiten oder gar deren Heilung bei.

Übertragung von einem Menschen auf einen anderen problematisch

Selbst die Ergebnisse aus klinischen Studien, die meist an jungen Erwachsenen stattfinden, sind nicht einfach auf Kinder oder alte Menschen übertragbar, auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden unzulänglich berücksichtigt. Wenn schon die Übertragung von Ergebnissen von einem Menschen auf einen anderen aufgrund von alters- und geschlechtsspezifischen Unterschieden problematisch ist, liegt es nahe, dass der Tierversuch noch viel weniger Aufschluss über Ursachen und Heilungsmöglichkeiten menschlicher Leiden liefern kann.

58.000 Menschen sterben jährlich durch Arzneimittelnebenwirkungen

Wie ein neues Medikament beim Menschen wirkt, lässt sich also auf der Grundlage von Tierversuchen nicht mit der nötigen Sicherheit feststellen. Dass man sich trotz dieser Unsicherheit auf Tierversuche verlässt, hat fatale Folgen. Immer wieder werden Medikamente, die aufgrund von Tierversuchen für sicher befunden wurden, wegen schwerer, oft sogar tödlicher Nebenwirkungen vom Markt genommenen. Allein in Deutschland sterben jährlich (einer Studie der Medizinischen Hochschule Hannover zufolge) 58.000 Menschen an den Folgen von Arzneimittelnebenwirkungen.

Risiken und Nebenwirkungen trotz Tierversuchen

Zahlreiche Beispiele aus der Medizin belegen, dass Tierversuche nicht dazu geeignet sind, Rückschlüsse für den Menschen zu ziehen, und legen nahe, dass ein Umdenken weg vom Tierversuch notwendig ist.

1. TGN1412

So wurde die Substanz TGN1412, ein Wirkstoff der Würzburger Firma TeGenero zur Behandlung schwerer Krankheiten wie Leukämie, Arthritis und Multipler Sklerose, ausgiebig unter anderem an Affen getestet. Im Tierversuch waren keine Nebenwirkungen ersichtlich. Bei den menschlichen Testpersonen jedoch traten lebensbedrohliche, bleibende Schäden auf.

2. Schmerzmittel Vioxx

Schätzungsweise 7.000 Patienten erkrankten oder verstarben in Deutschland durch die Einnahme des Schmerzmittels Vioxx. Zu diesem Ergebnis kommt eine Berechnung des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Das Rheuma-Medikament war im Jahr 2000 erstmals zugelassen worden, wurde 4 Jahre später aber wieder vom Markt genommen, weil eine Studie gezeigt hatte, dass das Präparat Herzinfarkte, Thrombosen und Schlaganfälle verursachte. Grundlage sind AOK-Verordnungsdaten und eine Vergleichsstudie mit einem anderen Schmerzmittel. Der Leiter des Instituts schätzt die Zahl der Vioxx-Opfer sogar um rund 20 % höher ein, da davon auszugehen ist, dass Privatversicherte häufiger mit dem relativ teuren, neuen Medikament behandelt wurden.

3. Krebs

In den 1990er Jahren wurde mit der sogenannten Krebsmaus der Durchbruch in der Bekämpfung der Krankheit medienwirksam gepriesen und eine Hoffnung geweckt, die bis heute nicht erfüllt werden konnte. Denn Krebs ist zwar im Labor erfolgreich bei verschiedenen Tierarten heilbar, bislang aber nicht beim Menschen.

4. Aids

In der Aids-Forschung wurde jahrelang beispielsweise an Affen geforscht, bis deutlich wurde, dass diese Tierarten überhaupt kein menschliches Aids bekommen. Die wesentlichen Erkenntnisse über Aids wurden ohne Tierversuche gewonnen.

92 % der Medikamente bestehen klinische Prüfung nicht

Untersuchungen der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) ergaben, dass 92 % der potenziellen Medikamente, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, nicht durch die klinische Prüfung kommen – beim Menschen zeigt sich entweder gar keine oder aber eine unerwünschte Wirkung.

Eine Studie des Cambridge Hospitals und der Harvard Medical School zur Arzneimittelsicherheit über einen Zeitraum von 25 Jahren zeigte, dass rund 20 % der Medikamente, die es auf den Markt schaffen, entweder wieder zurückgenommen werden oder entsprechende Warnungen erhalten.

Das „Tiermodell“ bietet damit also keine objektive Sicherheit, sondern kann lediglich als Glücksspiel betrachtet werden, das im schlimmsten Fall nicht nur für die Tiere, sondern auch für Menschen tödlich endet.

Umstieg auf tierversuchsfreie Forschung sinnvoll

Um Tier und Mensch vor Leid und Gefahren, die der Tierversuch verursacht, zu bewahren, ist ein Umstieg auf die tierversuchsfreie Forschung erforderlich.

An menschlichen Zellen und mittels ausgeklügelter Computersysteme, die mit menschlichen Daten arbeiten und Stoffwechselvorgänge im Körper sehr genau darstellen können, lassen sich aussagekräftige Daten gewinnen. In Mikrochips, die aus Kammern und Gängen bestehen, werden beispielsweise menschliche Leberzellen angesiedelt und ein neuer Wirkstoff getestet. Das System funktioniert wie ein Minimensch – der Stoffwechsel sowie eventuell giftige Abbauprodukte können so untersucht und Krankheiten des Menschen simuliert werden.

Auf Prävention von Krankheiten konzentrieren

Eine wichtige Rolle beim Verständnis von menschlichen Krankheiten spielt auch die klinische Forschung. Die sorgfältige Beobachtung kranker Menschen liefert wertvolle Informationen, Untersuchungen mittels Computertomographie und Elektrokardiographie ermöglichen eine ethisch unbedenkliche Untersuchung direkt am Menschen.

Weiterhin muss sich die Medizin auf die Prävention von Krankheiten konzentrieren. Durch eine gesunde Lebensweise, vor allem durch eine ausgewogene vegetarisch-vegane Ernährung, viel Bewegung und Verzicht auf das Rauchen, könnten zwei Drittel aller Krebsfälle und die Hälfte der Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindert werden.

Medikamente ohne Tierversuche

Solange es noch Tierversuche gibt, kann jeder dazu beitragen, Tierversuche zumindest nicht zu unterstützen. So kann man bei der Einnahme von Medikamenten auf sogenannte Generika-Präparate zurückgreifen, also auf Nachahmerprodukte, die die gleiche Zusammensetzung haben wie das Original. Die Patente für Medikamente laufen nach 20 Jahren ab und werden von kleineren Firmen, die selbst nicht forschen, aufgekauft. Generika-Firmen produzieren die Medikamente meist günstiger und ohne erneut Tierversuche durchzuführen. Doch auch das ist nicht die Lösung – denn ein Ende der Tierversuche kann nur durch einen Paradigmenwechsel hin zur rein tierversuchsfreien Forschung erreicht werden.

Diplom-Biologin Silke Bitz

Autorin

Diplom-Biologin Silke Bitz

Ärzte gegen Tierversuche e. V.

Quellen

1 Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Versuchstierdaten 2015. Online unter: http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Tierschutz/Versuchstierdaten2015.pdf;jsessionid=48899F29F4A6CE155D9D0AC5CCFCF932.2_cid358?__blob=publicationFile [16.01.2017].

2 Ärzte gegen Tierversuche e. V. (2016): Aktuelle Statistik: 2.753.062 Tiere. Tierversuchszahlen unverändert hoch! Online unter: https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/presse/aktuelle-pressemitteilungen/2292-aktuelle-versuchstierstatistik-2-753-062-tiere [25.01.2017].