Karnismus: Grundlagen der Theorie

Karnismus: Grundlagen der Theorie Bild: Edgar’s Mission

Der Begriff Karnismus (aus dem Englischen: carnism) wurde von der US-amerikanischen Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy im Rahmen ihrer Doktorarbeit geprägt und mit ihrem Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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Wofür steht Karnismus?
Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen. Der Begriff wurde von der US-amerikanischen Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy geprägt. Karnismus ist eine weit verbreitete Ideologie, die unsichtbar ist und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betrifft. Von klein auf wird sie von uns verinnerlicht und beeinflusst somit unser Denken und Fühlen. Und Karnismus ist eine unterdrückerische Ideologie, in der eine mächtige, privilegierte Gruppe (Menschen) eine andere Gruppe (sogenannte „Nutztiere“) zu ihren Zwecken benutzt.
Warum ist Karnismus eine Ideologie?
Die meisten Menschen glauben nicht, dass das Essen von Tieren auf eine Ideologie zurückzuführen ist. Dies schlägt sich auch in unserem Sprachgebrauch nieder. Vegetarier und Veganer werden nicht einfach als „Pflanzenesser“ bezeichnet, weil klar ist, dass es nicht nur um das geht, was sie essen, sondern um ein Wertesystem, das ihrer Ernährungsweise zugrunde liegt. Menschen, die Tiere essen, werden hingegen als „Fleisch- oder Allesesser“ bezeichnet, ganz so, als handele es sich hierbei einfach um eine biologische Tatsache. Tiere zu essen ist aber nicht überlebensnotwendig. Das heißt, wir müssen keine Tiere essen, sondern wir können uns dafür oder dagegen entscheiden, ob wir dies tun. Entscheidungen aber gründen immer auf Überzeugungen und auch unserer Entscheidung, Tiere zu essen – und zwar nur bestimmte Tiere -, liegen Überzeugungen zugrunde. Die Gesamtheit dieser Überzeugungen bildet die Ideologie Karnismus.
Warum sind wir uns des Karnismus nicht bewusst?
Den meisten Menschen, die Tiere essen und damit die Ideologie des Karnismus unterstützen, sind Tiere nicht egal und sie wollen auch nicht, dass Tiere leiden. Daher muss sich Karnismus einer Reihe sozialer und psychologischer Abwehrmechanismen bedienen. Nur so können human denkende Menschen sich an inhumanen Praktiken beteiligen, ohne dies überhaupt zu bemerken. Karnismus bringt uns bei, unser Denken und Fühlen auszuschalten, wenn es darum geht, Tiere zu essen. Die karnistischen Abwehrmechanismen liefern und erhalten die Überzeugungen, die diese Ideologie tragen, in einer Art Dauerschleife:

Ideologie → Abwehrmechanismen → verzerren Wahrnehmung → ermöglichen Verhaltensweisen → bestärken Ideologie

Ein Beispiel:

Ideologie: Karnismus → Abwehrmechanismus: Versachlichung („Tiere sind Dinge“) → Wahrnehmungsverzerrung: ein Huhn als „etwas“, nicht als „jemand“ wahrnehmen → Wahrnehmungsverzerrung betäubt Mitgefühl → Verhaltensweise: Huhn essen → bestärkt Karnismus

Warum wurde Karnismus bisher nicht benannt?
Ein Grund ist der, dass es schlicht einfacher ist, Ideologien zu erkennen, die außerhalb des Mainstreams liegen. Ein weitaus wichtigerer Grund ist jedoch der, dass Karnismus eine dominante Ideologie ist – eine Ideologie, die so verbreitet und fest verwurzelt ist, dass ihre Grundsätze eher als gesunder Menschenverstand erachtet werden („halt so wie die Dinge sind“) und nicht einfach nur als weitverbreitete Meinung. Karnismus ist auch eine gewalttätige Ideologie; er baut auf der intensiven, umfassenden und unnötigen Gewalt gegenüber Tieren und der Ausbeutung von Tieren auf. Die Grundsätze des Karnismus laufen den Grundwerten der meisten Menschen zuwider, die eigentlich nicht wollen, dass Tiere leiden und ausgebeutet werden. Folglich muss Karnismus sich verstecken, um sich die Beteiligung der breiten Masse zu sichern. Ohne allgemeine Unterstützung würde das System kollabieren.

Warum braucht es die Bezeichnung „karnistisch“, reichen nicht „karnivor“ oder „omnivor“?

Die Begriffe „omnivor“ und „karnivor“ verstärken die Annahme, es sei natürlich, Tiere zu essen. Sie beschreiben eher die körperlichen Voraussetzungen, als eine ideologische Wahl: Omnivor bezeichnet ein Tier, menschlich oder nichtmenschlich, das sowohl pflanzliche als auch tierische Nahrung verdauen kann; karnivor bezeichnet ein Tier, das Fleisch verzehren muss, um überleben zu können.

Wozu braucht Karnismus Abwehrmechanismen?
Überzeugungssysteme wie Karnismus erhalten sich selbst am Leben, indem sie uns beibringen, nicht zu denken oder zu fühlen, wenn wir ihren Vorschriften folgen. Hierzu nutzen sie Abwehrmechanismen, die sowohl auf der sozialen, als auch auf der psychologischen Ebene wirken. Diese Abwehrmechanismen verstecken die Widersprüche zwischen unseren Werten (Wir mögen Tiere und wollen nicht, dass sie leiden) und unserem Verhalten (Wir essen Tiere und ihre Produkte) und erlauben uns somit, Ausnahmen zu machen, die wir normalerweise als unethisch betrachten würden. Alle Schutzmechanismen dienen einem einzigen Zweck: Sie blockieren unser Bewusstsein und unser Mitgefühl gegenüber Nutztieren.
Welche Arten von Abwehrmechanismen gibt es?
Es gibt zwei Arten von Abwehrmechanismen. Primäre Abwehrmechanismen sind „pro-karnistisch“ und sollen Karnismus bestätigen („Milch und Fleisch machen stark“, „Schweine haben keine Emotionen“). Sekundäre Abwehrmechanismen sind „anti-vegan“ und „anti-vegetarisch“ und sollen Veganismus und Vegetarismus entkräften („Pflanzliches Protein ist minderwertiger als tierisches“). Vor allem die drei primären Abwehrmechanismen Leugnung, Rechtfertigung und Wahrnehmungsverzerrung schützen den Fortbestand des Karnismus. Primäre Abwehrmechanismen verzerren die Wahrheit über die genutzten Tiere („Schweine sind dumm, faul und schmutzig“) und über die Karnismus-Befürworter („Menschen benötigen tierische Produkte“), während sekundäre Abwehrmechanismen die Wahrheit über vegan-vegetarisch lebende Menschen und ihre Ernährungsweise verzerren („Veganer sind ungesund/extrem/militant/sensibel“).
Wie funktioniert der Abwehrmechanismus Leugnung?
Leugnung ist der karnistische Hauptabwehrmechanismus. Wenn wir die Existenz des Problems leugnen, dann brauchen wir uns erst gar nicht darum zu kümmern. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Unsichtbarkeit. Unsichtbar bleibt Karnismus unter anderem, solange es keine Bezeichnung dafür gibt. Wenn wir etwas nicht benennen, sehen wir es nicht, und wenn wir es nicht sehen, können wir nicht darüber sprechen oder es in Frage stellen. Aber auch die Opfer des Systems bleiben im Verborgenen und damit außerhalb des öffentlichen Bewusstseins. So werden etwa die meisten Tiere, die für unseren Konsum sterben, in fensterlosen Anlagen gezüchtet, gemästet und geschlachtet, ohne dass wir sie jemals zu Gesicht bekommen. Unsichtbar bleiben auch die anderen Opfer des Karnismus: die zunehmend zerstörte Umwelt, die ausgebeuteten Arbeitskräfte in der Fleischindustrie und die Konsumenten, die unter einem erhöhten Risiko für einige der ernsthaftesten Krankheiten der industrialisierten Welt stehen. Durch die Unsichtbarkeit macht uns Karnismus Folgendes weis: „Es gibt keine Ideologie“ und „Es gibt kein Problem“.
Wie funktioniert der Abwehrmechanismus Rechtfertigung?
Da es unmöglich ist, die Wahrheit vollständig zu verschleiern, braucht Karnismus weitere Abwehrmechanismen. Wenn also die Unsichtbarkeit unvermeidlich schwächelt, benötigt das System eine Sicherung. Daher lehrt uns Karnismus zu rechtfertigen, dass wir Tiere essen. Die Rechtfertigung erfolgt dadurch, dass Mythen, die sich um Fleisch (und andere Tierprodukte) ranken, als Fakten präsentiert werden. Um Fleisch ranken sich sehr viele Mythen, aber sie hängen alle mit den sogenannten „Drei Ns der Rechtfertigung“ zusammen: Tiere essen sei normal, natürlich und notwendig. Die drei Ns sind institutionalisiert, das heißt, sie werden von allen bedeutenden sozialen Institutionen – von der Familie bis zum Staat – akzeptiert und aufrechterhalten. Jedes der drei Ns lässt sich argumentativ leicht entkräften. Dieselben Rechtfertigungen wurden und werden auch dazu verwendet, repressive Praktiken wie die Sklaverei oder das Patriarchat zu rechtfertigen.
Was sind die „Drei Ns der Rechtfertigung“?
Die „Drei Ns der Rechtfertigung“ stellen Mythen dar, mit denen Karnismus versucht, sich zu rechtfertigen. Tiere essen sei „normal, natürlich, notwendig“ und damit alternativlos und gerechtfertigt. Jedes der drei Ns lässt sich argumentativ leicht entkräften.

Wenn wir die Grundsätze einer Ideologie als normal ansehen, bedeutet das, dass diese Ideologie normalisiert worden ist und dass ihre Grundsätze gesellschaftliche Normen geworden sind. Normen sind gesellschaftliche Konstrukte und nicht angeboren. Sie werden von Menschen geschaffen und aufrechterhalten. Normen beschreiben nicht nur, wie die Mehrheit der Menschen sich verhält, sondern schreiben auch vor, wie man sich verhalten soll. Sie halten uns auf Linie, indem sie uns feste Wege vorzeichnen und uns beibringen, wie wir sein müssen, um dazuzugehören. Der Weg der gesellschaftlichen Norm ist der des geringsten Widerstands. Was wir „normal“ nennen, sind also lediglich die Überzeugungen und Verhaltensweisen der dominanten Kultur.

Die meisten von uns halten es für natürlich, Fleisch zu essen, weil der Mensch seit Jahrtausenden Tiere jagt und verzehrt. Tatsächlich bildet Fleisch seit mindestens zwei Millionen Jahren einen Bestandteil unserer omnivoren Ernährung (wenngleich der pflanzliche Anteil immer weit überwogen hat). Nur müssen wir dann ehrlicherweise hinzufügen, dass Kindstötung, Mord, Vergewaltigung und Kannibalismus mindestens genauso alt sind wie das Fleischessen – und in diesem Sinne ebenso „natürlich“. Dennoch berufen wir uns bei diesen Verhaltensweisen nicht auf ihre lange Geschichte, um sie zu rechtfertigen. Wie bei anderen Gewalthandlungen muss auch beim Fleischessen zwischen natürlich und gerechtfertigt unterschieden werden. Den Prozess, durch den „natürlich“ in „gerechtfertigt“ umgedeutet wird, nennt man Naturalisierung. Bei einer naturalisierten Ideologie (wie dem Karnismus) wird angenommen, ihre Grundsätze entsprächen den Naturgesetzen. In der Naturalisierung steckt die Überzeugung, dass es nur so und nicht anders sein kann.

Die Überzeugung, Fleischessen sei notwendig, ist eng mit der Überzeugung verbunden, Fleischessen sei natürlich. Wenn es aus biologischen Gründen zwingend erforderlich wäre, Fleisch zu essen, dann wäre es eine Notwendigkeit für das Überleben der Menschheit. Durch die Überzeugung, Fleischessen sei notwendig, erscheint das System alternativlos – wenn wir ohne Fleisch nicht existieren können, dann kommt die Abschaffung des Karnismus einem Selbstmord nahe. Obwohl wir wissen, dass es möglich ist, zu überleben, ohne Fleisch zu essen und obwohl Millionen gesunder Menschen, die sich pflanzlich ernähren, der lebende Gegenbeweis sind, tut das System so, als wäre dieser Mythos wahr.

Wie funktioniert der Abwehrmechanismus Wahrnehmungsverzerrung?
Karnismus schützt sich, indem er unser Bild von genutzten Tieren verzerrt. Dementsprechend betrachten wir sie als Objekte („Hühner sind Waren“) und Abstraktionen („Ein Schwein ist ein Schwein, und alle Schweine sind gleich“) und teilen sie in starre Kategorien ein, damit wir verschiedenen Spezies gegenüber unterschiedlich empfinden und sie unterschiedlich behandeln können (z. B. ist Rindfleisch lecker und Hundefleisch ist ekelhaft; Kühe sind zum Essen da und Hunde sind unsere Freunde).
Was sind die sekundären Abwehrmechanismen des Karnismus?
Sekundäre karnistische Abwehrmechanismen dienen dazu, die Infragestellung des Karnismus zu entkräften, indem sie sich gegen vegan-vegetarisch lebende Menschen, die vegan-vegetarische Idee/Praxis und die dazugehörige Bewegung wenden. Außerdem sind sie ein Teil der Gegenreaktion gegen Veganismus und Vegetarismus. Damit reagiert die vorherrschende karnistische Kultur auf Bedrohungen ihrer eigenen Macht. Entsprechend entwickeln und verstärken sich sekundäre Abwehrmechanismen parallel zum Erstarken der vegan-vegetarischen Bewegung. Sie sind der Beweis für den Erfolg einer Bewegung – und nicht für ihr Versagen. Das heißt, je stärker Veganismus und Vegetarismus werden, desto stärker versucht der Karnismus, sie abzuwehren.

Sekundäre Abwehr: Wie versucht Karnismus, die vegan-vegetarische Bewegung zu diskreditieren?

Um Veganismus und Vegetarismus abzuwehren, schreibt Karnismus vegan-vegetarisch lebenden Menschen unerwünschte Eigenschaften zu. Wenn vegan-vegetarisch lebende Menschen sich gegen die karnistische Propaganda wenden, wird ihnen selbst Propaganda vorgeworfen. Wenn sie sich gegen die Abstumpfung der Mehrheitskultur wenden, gelten sie als „übermäßig emotional“. Häufig werden vegan-vegetarisch lebende Menschen auch auf bloße Stereotypen reduziert. Wenn sie z. B. ihrer Wut über Karnismus als sozialer Ungerechtigkeit Ausdruck verleihen, gelten sie schnell als militante Menschenhasser.

Gleichzeitig wird, vor allem von vegan lebenden Menschen, erwartet, selbst einem unmöglichen Ideal zu entsprechen. So wird von ihnen z. B. erwartet, dass sie gesundheitliche oder moralische Vorbilder sind. Wenn sie krank werden, wird dies oft auf ihre vegane Ernährungsweise zurückgeführt. Wenn sie einen gebrauchten Wollpulli tragen, gelten sie als Heuchler. Wenn sie dies nicht tun, werden sie als Extremisten dargestellt. Außerdem wird erwartet, dass sie Experten für alles sind: von Ökologie bis hin zu Quantenphysik. Als ob man sich nur dann für Veganismus einsetzen dürfe, wenn man alle Lösungen parat habe. Wenn vegan lebende Menschen diesen Projektionen nicht gerecht werden, wird gleich alles in Frage gestellt, wofür sie stehen.

Hierdurch entsteht ein unglaublicher Druck und häufig ist es schwer für vegan-vegetarisch lebende Menschen, diese Projektionen als solche zu erkennen. Sie glauben dann zum Beispiel oft selbst daran, dass ihre Emotionen übertrieben sind und erkennen nicht mehr, dass ihre Betroffenheit, ihr Schmerz und ihre Wut als Reaktionen auf die Grausamkeiten der Tiernutzung gesund, angemessen und zulässig sind. Wenn sie die Fiktion glauben, perfekt sein zu müssen und alleine für den Erfolg oder Misserfolg der ganzen Bewegung verantwortlich zu sein, dann denken sie, dass sie die Tiere im Stich lassen und für ihr Leiden verantwortlich sind, wenn sie nicht ihr gesamtes soziales Umfeld von der veganen oder vegetarischen Idee überzeugen können.

Sekundäre Abwehr: Was bedeutet Neokarnismus?
Während es bei der primären Rechtfertigung darum geht, dass Tiere zu essen normal, natürlich und notwendig sei, geht es bei der sekundären Rechtfertigung darum, dass keine Tiere zu essen anormal und unnatürlich sei. Sekundäre Rechtfertigung zwingt ironischerweise vegan-vegetarisch lebende Menschen in die Defensive. Sie müssen dann begründen, warum sie keine Tiere essen, anstatt dass Menschen, die dies tun, erklären müssen, warum sie es tun.

Diese Form sekundärer Rechtfertigung hat sich zu einer komplett neuen Ideologie weiterentwickelt, dem „Neokarnismus“. Dank des unermüdlichen vegan-vegetarischen Aktivismus und des Internets wurde der karnistische Hauptabwehrmechanismus – die Leugnung – erheblich destabilisiert. Zumindest die ungeheuerlichsten Praktiken in der landwirtschaftlichen Tiernutzung lassen sich heute nicht mehr leugnen. Daher übernimmt jetzt die Rechtfertigung eine wichtigere Rolle für die Erhaltung des Systems. Neokarnismus (z. B. „artgerechte Tierhaltung“ oder „Biofleisch“) frustriert zwar viele vegan-vegetarisch lebende Menschen, ist letztlich aber ein Zeichen ihres Erfolgs.

Sekundäre Abwehr: Wie funktioniert das sekundäre Leugnen?
Primäres Leugnen will uns glauben machen, dass „es gar keine Ideologie gibt“. Davon ausgehend leugnet sekundäres Leugnen, dass vegan-vegetarisch lebende Menschen eine ideologische Minderheit sind. Denn wenn Menschen, die Tiere essen, keiner vorherrschenden Ideologie folgen, gibt es auch keine vorherrschende Mehrheit und damit auch keine unterdrückte Minderheit.

Solange vegan-vegetarisch lebende Menschen aber nicht erkennen, dass sie eine ideologische Minderheit sind, akzeptieren und internalisieren sie letzen Endes die karnistischen Vorurteile. Viele von ihnen werden verspottet oder anderweitig angegriffen, nur weil sie vegan-vegetarisch leben und damit einer sozialen Minderheit angehören. Und dabei fühlen sie sich wehrlos. Entweder stehen sie für ihre Überzeugung ein und riskieren beispielsweise, dass ihnen mangelnder Sinn für Humor vorgeworfen wird, oder sie versuchen, es mit Humor zu nehmen und beteiligen sich damit an ihrer eigenen Erniedrigung. Ein besseres Verständnis von sekundärem Leugnen hilft uns dabei, für unsere Sache einzustehen und andere über ihre teilweise unbewussten karnistischen Vorurteile aufzuklären.

Das sekundäre Leugnen will uns auch glauben machen, dass es keine Unterdrückung gibt. Wenn wir glauben, dass es weder eine Ideologie, noch Unterdrückung gibt, dann glauben wir auch, „dass es kein Unterdrückungssystem gibt“ und dass Tiere zu essen einfach eine Frage der persönlichen Ethik ist – eine persönliche Entscheidung – und nicht das unvermeidliche Ergebnis eines tief verwurzelten „-ismus“.

Welche Folgen kann das sekundäre Leugnen für vegan oder vegetarisch lebende Menschen haben?
Wenn wir glauben, dass es kein allumfassendes gewalttätiges Unterdrückungssystem gibt, dann glauben wir auch das Märchen, „dass die landwirtschaftliche Tiernutzung keine Grausamkeit darstellt“ und keine Massentraumatisierung bedeutet. Dadurch erkennen wir auch nicht die Rollenverteilung: Tiere sind Opfer, die Tierindustrie der Täter und vegan-vegetarisch lebende Menschen die Zeugen. Eine für letztere besonders wichtige Einsicht im Zusammenhang mit dem durch Karnismus verursachtem Trauma ist, dass sie als Zeugen selbst auch Opfer sind. Die Sekundäre Traumatisierung (ST) ist quasi identisch mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Der einzige Unterschied ist, dass die Betroffenen nicht direkte Opfer, sondern Zeugen einer Traumatisierung sind. Als Zeugen von Gewalt leiden daher vor allem vegan lebende Menschen häufig unter Depressionen, Ängsten, Reizbarkeit, Verlust des Glaubens an sich selbst und an andere, Schuldgefühlen (weil man Tieren nicht „genug“ helfen konnte), Burnout usw. – alles Symptome von PTBS. Dennoch werden diese Symptome häufig nicht erkannt – weder von den Betroffenen selbst, noch von Psychologen, die sie daher auch nicht richtig behandeln können.

Die verzerrten Darstellungen im Rahmen karnistischer Abwehrmechanismen können sich negativ auf vegan-vegetarisch lebende Menschen und die gesamte Bewegung auswirken und damit Karnismus weiter aufrechterhalten.

Mit welchem Hauptkonflikt sehen sich vegan-vegetarisch lebende Menschen konfrontiert?
Reaktiv zu sein bedeutet, die Welt durch die karnistische Brille zu betrachten und auf die entsprechenden Märchengeschichten zu reagieren. Wenn Mitglieder einer Minderheit die Geschichten glauben, die von der Mehrheitskultur über sie erzählt werden, dann haben sie die Unterdrückung internalisiert. Und die Geschichten der Mehrheitskultur wollen uns glauben machen, dass die Bedürfnisse und Wahrnehmungen der Minderheit weniger wichtig sind. Wenn z. B. ein vegan lebender Mensch am Familientisch darum bittet, dass kein Käse auf den Salat oder keine Butter in den Kartoffelbrei kommt – was für die Allgemeinheit kein großes Problem und für ihn sehr wichtig wäre – dann wird dieses Bedürfnis als viel unwichtiger betrachtet, als das Bedürfnis nach einem traditionellen Essen.

Wenn Mitglieder einer Mehrheitsgruppierung die Botschaften der Mehrheitskultur glauben – dass nämlich ihre eigenen Bedürfnisse und Sichtweisen wichtiger sind als die der Minderheit – dann haben sie die Privilegierung internalisiert, die ihnen diese Kultur zugesteht. Diese Geisteshaltung zeigt sich oft in Form von Anspruchsdenken – und von Ausbrüchen von „gerechtem“ Zorn, wenn den eigenen Bedürfnisse nicht der Vorrang eingeräumt wird.

Natürlich sind die meisten Menschen, die Tiere essen, sich ihres karnistischen Privilegs nicht bewusst. Sie verhalten sich einfach im Rahmen der Geschichten der karnistischen Kultur. Und ganz ähnlich sind sich auch die meisten vegan-vegetarisch lebenden Menschen ihrer internalisierten Unterdrückung nicht bewusst. Aber manche von ihnen bemerken den Widerspruch zwischen der Wahrheit, die sie erkannt haben (dass sie ein Recht auf Gleichheit haben), und der Wahrheit, die sie glauben sollen (dass die Bedürfnisse der Mehrheit ihre überwiegen). Daher kann es durchaus vorkommen, dass sie sich bei anderen für „Unannehmlichkeiten“ entschuldigen und ihnen dies gleichzeitig widerstrebt.

Warum neigen vegan-vegetarisch lebende Menschen dazu, stark gegenteilige Gefühle wie „Scham“ oder „Überheblichkeit“ in Bezug auf ihren Lebensstil zu empfinden?

Internalisierte Unterdrückung erzeugt Scham – das Gefühl, weniger wert zu sein. Wir empfinden Scham, wenn wir uns selbst durch die Augen anderer betrachten und deren Realitätswahrnehmung unserer eigenen voranstellen. Aufgrund unserer Scham können wir nicht für uns selbst einstehen, wenn wir als „hypersensibel“ bezeichnet werden, oder wir entschuldigen uns, wo dies gar nicht angebracht ist.

Manchmal löst unsere Scham aber auch eine gegenteilige Reaktion aus, nämlich Überheblichkeit – das Gefühl, besser zu sein. Dann weigern wir uns, uns überhaupt durch die Augen anderer zu betrachten oder irgendwelche Informationen aufzunehmen, die unsere eigene Sichtweise in Frage stellt. Wenn vegan-vegetarisch lebende Menschen überheblich sind, beschämen sie andere und sind wie ein Spiegel der karnistischen Kultur. Sie projizieren dann stereotype Vorstellungen auf Menschen, die Tiere essen („Das sind alle gefühllose, selbstsüchtige Tierfresser“), oder stellen deren Wahrnehmungen anderweitig in Frage („Nein, du liebst Tiere nicht, du isst sie ja.“).

Was können vegan-vegetarisch lebende Menschen dem Karnismus entgegensetzen?
Wenn die karnistischen Abwehrmechanismen erkannt werden, kann man sein Verhältnis zu ihnen ändern. So kann proaktiver statt reaktiver Veganismus und auch Vegetarismus praktiziert werden. Das heißt, man widersetzt sich den karnistischen Märchen und bleibt seiner eigenen Wahrnehmung treu, ohne dabei andere zu diskreditieren.

Die Wahrheit ist, dass Tiere den Menschen nicht egal sind – und die Wahrheit übrigens auch nicht. Die vegan-vegetarische Bewegung wächst in unzähligen Ländern weltweit exponentiell. Vegan-vegetarisch lebende Menschen sind Teil von etwas Größerem – von einer sozialen Bewegung, auf die man irgendwann als eine der veränderungsmächtigsten Bewegungen zurückblicken wird. Die Wahrheit ist, dass jeder einzelne Mensch, der auf tierische Produkte verzichtet, etwas bewirkt. Diese Menschen stellen die größte Gefahr für die Macht des Karnismus dar.