Die Wurst gehört uns allen

Die Wurst gehört uns allen

„Die Wurst gehört uns“, betitelte die allgemeine fleischer zeitung (afz) im März 2015 einen Artikel über vegetarisch-vegane Fleischalternativen. Wer heute in den Supermarkt geht, erhält allerdings ein anderes Bild: Immer mehr Würste und auch andere typische Fleischprodukte werden nicht mehr ausschließlich aus Fleisch hergestellt, sondern sind in zahlreichen vegetarisch-veganen Alternativen erhältlich.

Woraus Fleischalternativen bestehen

Zunächst ist die Frage zu klären, woraus die Fleischalternativen eigentlich hergestellt werden. Am bekanntesten sind Produkte aus Tofu. Tofu besteht aus geronnener Sojamilch. Da er geschmacksneutral ist, muss Tofu gut gewürzt werden. Anfänger verwenden daher meist Räuchertofu, der scharf angebraten viele Gerichte ergänzt. Ebenfalls aus Soja wird Tempeh gewonnen. Hierfür werden gekochte Sojabohnen mit Edelschimmel versetzt.

Der Favorit vieler vegetarisch-vegan lebender Menschen ist Seitan, welches aus Weizeneiweiß (Gluten) besteht. Seine Beliebtheit erlangt es vor allem dadurch, dass es nicht nur durch entsprechendes Würzen nach Fleisch schmecken kann, sondern auch in seiner Konsistenz und somit im Mundgefühl vielen Fleischsorten sehr ähnlich ist. Eine noch nicht so bekannte, aber sich auf dem Vormarsch befindende Alternative sind Lupinen. Aus den Samen der Blumen lassen sich ebenfalls leckere Fleischalternativen herstellen.

Während die meisten Fleisch- und Wurstalternativen vegan sind, werden manchen Produkten auch Milch und Eier hinzugefügt. Es empfiehlt sich daher, die Zutatenliste genau zu studieren. Ebenfalls sinnvoll ist, darauf zu achten, welche weiteren Inhaltsstoffe verwendet werden. Wenig verarbeitete Lebensmittel sind gesünder als solche, die stark verarbeitet wurden. Die Unternehmen sind aufgerufen, möglichst naturnahe Produkte herzustellen, die einen guten Geschmack bieten und gesund sind. Die vegane Produktvielfalt wird in den nächsten Jahren noch zunehmen. Die Konsumenten sind zunehmend kritischer und gut informiert. Sie verlangen nach gesunden veganen Alternativen. Für vegetarisch und vegan lebende Menschen bieten fleischfreie und rein pflanzliche Produkte eine gute Abwechslung auf dem Speiseplan, der aber überwiegend aus Obst und Gemüse sowie Hülsenfrüchten und Vollkorngetreideprodukten bestehen sollte.

Warum einige Veganer und Vegetarier gern Fleischalternativen essen

Häufig wird Veggies vorgeworfen, sie seien inkonsequent, wenn sie Fleisch einfach durch vegetarisch-vegane Fleischalternativen ersetzten. Bei diesem Vorwurf wird jedoch meistens davon ausgegangen, dass vegetarisch-vegan lebende Menschen sich nur deswegen fleischfrei ernähren, weil sie Fleisch nicht mögen.

Die Vegetarierstudie der Uni Jena von 2007 brachte allerdings andere Ergebnisse hervor: So gaben 63 Prozent an, aus ethisch-moralischen Gründen kein Fleisch zu sich zu nehmen und nur 11 Prozent aus emotionalen Gründen, wie unter anderem auch aufgrund des Geschmacks. Häufige Argumente für eine vegetarisch-vegane Ernährung sind Tierschutz, ethische Gründe, Schutz der Umwelt und die eigene Gesundheit.

Warum Fleischalternativen umweltfreundlicher und gesünder sind

Eine 2011 vom VEBU und Greenpeace Österreich gemeinsam in Auftrag gegebene Studie belegt, dass die durch den Fleischkonsum ausgestoßenen Treibhausgase um 95 Prozent reduziert werden, wenn stattdessen auf Fleischalternativen gesetzt wird. Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik betont, dass ein geringerer Konsum von tierischen Lebensmitteln ein ökologisch sinnvoller Schritt ist.

Auch gesundheitlich schneiden die Alternativen besser ab: Sie haben meist weniger Fett und mehr ungesättigte Fettsäuren als Fleisch. Zwar werden weder Fleisch noch Fleischalternativen benötigt, um sich ausgewogen mit allen essentiellen Nährstoffen zu versorgen, ungesund ist das Veggie-Fleisch jedoch nicht. In Maßen genossen gelten Fleischalternativen als gute Eiweißlieferanten.

Warum der Konsum von Fleischalternativen konsequent ist

Dass Veggies aufgrund des Konsums der Alternativprodukte inkonsequent sein sollen, ist daher nicht haltbar. Genauso könnte man übrigens auch argumentieren, dass Menschen, die aus Umweltgründen das Fahrrad oder den ÖPNV (öffentlichen Personennahverkehr) nutzen, statt auf das Auto zu setzen, inkonsequent seien. Oder Menschen, die aufgrund der Kalorien ihren Kaffee mit Süßstoff statt mit Zucker süßen, es nicht ernst meinen würden. Wer den Geschmack von Fleisch mag, aber die negativen Folgen des Fleischkonsums vermeiden will, setzt daher gerade konsequenterweise auf Fleischalternativen.

Warum Fleischalternativen wie Fleisch aussehen, heißen und schmecken

Zum einen vereinfachen die Produkte den Umstieg auf eine fleischfreie Ernährung. Wer jahrelang Fleisch gegessen hat, kann bequem seine Lieblingsgerichte weiter zu sich nehmen, indem einfach das Fleisch durch Fleischalternativen ausgetauscht wird. So kann man sich nach und nach an die vegan-vegetarische Küche ohne Fleisch und Fleischalternativen herantasten. Wer beispielsweise gern grillt, muss nicht gleich auf Gemüsespieße und Co. umsteigen, sondern kann sich seine vegane Bratwurst auf den Rost legen, ohne dabei gleich aus seiner Rolle zu fallen.

Zum anderen konsumieren aber auch nach der Anfangsphase viele vegetarisch-vegan lebende Menschen noch ab und zu ein Veggie-Fleischprodukt. Dies hat vor allem emotionale Gründe. Wer als Kind an der Fleischtheke im Supermarkt immer eine Scheibe Mortadella geschenkt bekommen hat, fühlt sich durch Fleisch an diese Zeit zurückerinnert. Wer Heiligabend immer Kartoffelsalat mit Bockwürstchen gegessen hat, verbindet diesen Geschmack mit dem Weihnachtsfest. Auf diese Weise weckt Fleisch vor allem unterbewusst Gefühle wie Geborgenheit und Wärme. Wer sich danach sehnt, greift nicht nur zu einem Produkt, das wie Fleisch schmeckt und riecht, sondern das auch aussieht und heißt wie das Fleischprodukt aus der Kindheit.

Hätten Sie’s gewusst?

Hätten Sie’s gewusst?

Bezeichnungen wie „Schnitzel“ oder „Wurst“ sind juristisch nicht geschützt. Zwar sind sie in den Leitsätzen des deutschen Lebensmittelbuchs beschrieben, dieses ist rechtlich allerdings nicht bindend.

Warum Fleischalternativen nicht nur für Vegetarier und Veganer sind

Dass die Produzenten von Veggie-Fleisch auf Namen und Optik der Fleischprodukte setzen, hat aber auch noch einen anderen Grund: In Deutschland leben rund 900.000 Veganer und 7,8 Millionen Vegetarier. Eine große Zielgruppe, die sich jedoch noch erweitern lässt, wenn man die Flexitarier, also Menschen, die selten Fleisch essen, mit einbezieht. Laut einer von der Forsa durchgeführten Umfrage aus dem Jahr 2011, leben in Deutschland 42 Millionen Flexitarier. Diese können die Produzenten der Fleischalternativen vor allem dadurch erreichen, wenn sie ihnen im Supermarkt neben dem Fleisch eine tierleidfreie, umweltfreundlichere und gesündere Alternative anbieten.

Aus diesem Grund sind vegetarisch-vegane Würste, Schnitzel und andere Fleischalternativen auch häufig direkt neben dem Fleisch platziert. Und die Strategie scheint aufzugehen: Seit Jahren steigen die Umsätze beim Verkauf von vegetarisch-veganen Teilfertiggerichten, zu denen auch die Fleischalternativen zählen. Zuletzt gab es ein Wachstum von rund 36 Prozent.

Warum die Wurst uns allen gehört

Die Zeiten, in denen jede Wurst Fleisch enthielt, sind vorbei. Immer mehr Veganer, Vegetarier und Flexitarier greifen zu vegetarisch-veganen Alternativen, um so den fleischähnlichen Geschmack genießen zu können, ohne sich dabei für Tierleid, Umweltzerstörung oder eine ungesunde Ernährung verantwortlich zu fühlen. Die Wurst gehört diesen Menschen mindestens genauso, wie sie der Fleischindustrie gehört.

Lucas Christoffer