Tipps und Strategien für den Umgang mit Fleischessern

Tipps und Strategien für den Umgang mit Fleischessern Bildquelle: Rawpixel.com / shutterstock.com

Vegan-vegetarisch lebende Menschen sind in ihrem Alltag oft Konfrontationen mit Fleischessern ausgesetzt. Dabei können sie ruhig für ihre Überzeugung einstehen und diese offen kommunizieren – wichtig ist, dabei freundlich und höflich zu bleiben.

In einer Gesellschaft, die davon überzeugt ist, dass das Essen von Fleisch normal, natürlich und notwendig ist, haben es vegan-vegetarisch lebende Menschen nicht immer leicht. Die Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy taufte diese Überzeugung „Karnismus“ (englisch „carnal“ = fleischlich; „ismus“ = Ideologie). Die karnistische Ideologie zieht sich durch alle sozialen Institutionen unserer Gesellschaft: von Staat und Gesetzgebung über alle pädagogischen Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten bis hin zu unserer Familie, unseren Arbeitskollegen, Freunden und Liebesbeziehungen.

Wer sich als vegan oder vegetarisch lebender Mensch “outet”, stößt nicht selten auf Konfrontationen. Es fängt bei Kleinigkeiten an, wie einem Kochabend mit Freunden, und endet beispielsweise bei der Diskussion, wie das kommende Baby in den ersten Jahren ernährt werden soll bis es selbst diese Entscheidung treffen kann.

Karnismus erkennen

Karnismus erkennen

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, dass sie vor eine Wahl stellt. Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen.

Angriffe von Fleischessern nicht persönlich nehmen

Um eine häufig abwehrende oder abwertende Haltung von fleischessenden Menschen besser verstehen zu können, ist es wichtig, das karnistische System in unserer Gesellschaft zu erkennen. Für das eigene Wohlempfinden sollten Angriffe von Fleischessern nicht persönlich genommen werden. Abwehrhaltungen sind häufig Ausdruck eines psychologischen Konflikts. Niemand sollte sich den Tag durch Unhöflichkeiten verderben lassen! Wichtig ist, freundlich und optimistisch zu bleiben. Vegan-vegetarisch lebende Menschen handeln aus Respekt und Achtung vor Tieren und können für ihre Überzeugung einstehen und diese offen kommunizieren.

Auch sollten sich vegan oder vegetarisch lebende Menschen bewusst sein, dass ihre Bedürfnisse in einer fleischessenden Umgebung nicht immer berücksichtigt werden, zum Beispiel im Flugzeug, in Restaurants oder in der Firmenkantine. Ist man darauf eingestellt, werden Frustgefühle vermieden und es gibt keine bösen Überraschungen. Stattdessen kann man darauf reagieren und beispielsweise Essenswünsche äußern.

Wahrnehmung von Fleischessern als “blockierte Vegetarier/Veganer”

Eine Strategie, fleischessenden Menschen optimistisch zu begegnen, ist, sie als verhinderte beziehungsweise “blockierte Vegetarier/Veganer” wahrzunehmen. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf eine vegan-vegetarische Ernährungsweise. Eine Situation, die sicherlich viele kennen: Ein vegan-vegetarisch lebender Mensch bestellt bei einem Restaurantbesuch mit Freunden oder der Familie ein fleischfreies Essen. Die Reaktionen von Fleischessern kommen teilweise einer Entschuldigung gleich wie „ich esse ja kaum Fleisch“. Manchmal kommt auch nur ein Schulterzucken, das so viel bedeuten soll wie „von dir lasse ich mir nicht den Appetit verderben“. Häufig wird auch ein Witz gemacht oder das Fleisch aufgewertet, zumBeispiel „Schnitzel schmeckt einfach köstlich, darauf könnte ich nie verzichten“. Der Vegetarier oder Veganer hat hingegen nichts gemacht, außer das fleischfreie Essen bestellt. Er wollte damit weder das Thema anschneiden, noch Diskussionen entfachen oder einen Streit anzetteln.

An diesem Verhalten von Fleischessern wird deutlich, dass häufig allein die Konfrontation mit einer Ernährung, die Fleisch oder grundsätzlich alle tierischen Produkte ausschließt, als Angriff aufgefasst wird. Darauf folgt meist eine Rechtfertigungs- oder Verteidigungsschleife. Um in solchen Situationen zu verstehen, warum Fleischesser “blockierte Vegetarier/Veganer” sind, hilft es, sich an die eigene Vergangenheit zu erinnern.

Sich an die Zeit vor der Umstellung auf eine vegan-vegetarische Lebensweise erinnern

Beinahe jeder vegan-vegetarisch lebende Mensch wurde von Kindesbeinen an darauf konditioniert, dass es normal, natürlich und notwendig ist, tierische Produkte wie Fleisch, Milch und Eier zu essen. Die Körperteile (sprich Fleisch) und Ausscheidungen (sprich Milch, Eier und Honig) von Tieren zu konsumieren, wurde vorgegeben. Die wenigsten Menschen hinterfragen von sich aus diese Überzeugung. Aber warum stellen Menschen ihre Ernährung um, warum verändert sich ihre Sicht auf die Welt? Meist sind es Anreize von außen, die den Blick auf bestimmte Nahrungsmittel und deren ethischen Hintergrund verändern. So zum Beispiel eine Dokumentation über Tierhaltung oder eine vegan-vegetarisch lebende Person im eigenen Umfeld.

Wenn vegan-vegetarisch lebende Menschen sich an ihre eigene Blockierung erinnern, können sie “blockierte Vegetarier/Veganer” um sie herum besser verstehen. Vielleicht fällt es schwer, dieses Verständnis aufrecht zu erhalten. Aufgrund der eigenen Erfahrung sollte es aber möglich sein, sich in “blockierte Vegetarier/Veganer” einzufühlen und dennoch das ethisch nicht vertretbare Verhalten, Tiere zu essen, abzulehnen.

Die Ernährungsfrage ist eine ethische Frage

Karnismus zeigt, dass es in unserer Gesellschaft als normal, natürlich und notwendig empfunden wird, Fleisch zu essen. Parallel dazu empfinden Menschen Empathie für andere Lebewesen wie Hunde und Katzen und haben Werte wie Gewaltfreiheit und Mitgefühl verinnerlicht. Die meisten Menschen würden Tiere weder quälen noch töten. Tiere allein für den Geschmack ihres Fleisches und anderer tierischer Produkte auszubeuten und zu töten, können die wenigsten Menschen in unserer Gesellschaft mit ihren Grundwerten vereinbaren. Das karnistische System führt zu großen Ambivalenzen und zu einer Verminderung unserer Integrität (Übereinstimmung des Wertesystems mit unserem Handeln).

Diese Widersprüchlichkeit umgeht unsere Gesellschaft, indem sie den ethischen Hintergrund unserer Ernährung ignoriert und ausblendet. Jeder kritische Gedanke über das Essen von Tieren wird häufig im Keim erstickt. Die ethische Tragweite des Konsums von Tierprodukten ist unserer Gesellschaft überwiegend nicht bewusst, vor allem nicht in dem Moment, in dem Fleisch oder andere Tierprodukte gegessen werden. Auch PR-Maßnahmen der Industrie wie Bilder von angeblich glücklichen Tieren in der Bio-Tierhaltung helfen Menschen dabei, das Gewissen zu beruhigen und das Essen von Fleisch oder Trinken von Milch nicht in Frage zu stellen.

Dipl.-Psych. Tamara Pfeiler

Autorin

Dipl.-Psych. Tamara Pfeiler