Liebesbeziehung zwischen Veganern und Fleischessern

Liebesbeziehung zwischen Veganern und Fleischessern Bildquelle: solominviktor / shutterstock.com

Ist die rosarote Brille verschwunden, können unterschiedliche Ernährungsformen in einer Beziehung zum Problem werden. Es gibt aber auch Paare, die gut damit umgehen können, wenn der Partner nicht vegan oder vegetarisch lebt.

Für die meisten vegan-vegetarisch lebenden Menschen ist es schwieriger, eine Liebesbeziehung mit einem fleischessenden Partner zu führen als Fleischesser im Freundeskreis zu haben. Es stellt sich die Frage, wie man mit dieser Unterschiedlichkeit innerhalb einer Partnerschaft am besten umgeht.

Am Anfang einer Beziehung spielen Unterschiede aus Verliebtheit kaum eine Rolle – frei nach dem Motto: Alles ist möglich! Aber erst wenn die rosarote Brille verschwunden ist,  stellt sich heraus, ob der Alltag gemeinsam bestritten werden kann. Werden Schweineschnitzel und Tofu-Wurst aus einem Topf bezahlt? Darf Kuhmilchkäse neben Sojakäse im Kühlschrank gelagert werden? Wird gemeinsam gekocht und gegessen? Das sind Fragen, die häufig auftreten und geklärt werden sollten.

Grenzen und Möglichkeiten ausloten

Es gibt Veganer und Vegetarier, für die es nicht in Frage kommt, mit einem fleischessenden Menschen eine Beziehung einzugehen. Sie ekelt allein die Vorstellung an, dass der Partner gerade Fleisch verzehrt haben könnte – Küssen wird hier zum Prüfstein! Andere hingegen sind bereit, Kompromisse einzugehen. Doch wie weit diese Kompromisse gehen, stellt sich spätestens dann heraus, wenn es darum geht, wie gemeinsame Kinder ernährt werden sollen. Jeder sollte für sich selbst die Möglichkeiten und Grenzen herausfinden.

Identifikation über die Ernährung

Je wichtiger einem die Identität als vegan-vegetarisch lebender Mensch ist, desto stärker kann eine unterschiedliche Ernährungs- und Lebensweise in einer Beziehung zu einem Konflikt werden. Dies ist jedoch auch davon abhängig, ob der fleischessende Partner einer vegan-vegetarischen Lebensweise offen gegenübersteht und ob er bereit zu Veränderungen beziehungsweise Kompromissen ist.

Es stellt sich die Frage, inwieweit eine freie Entfaltung in einer Beziehung möglich ist, wenn die vegan-vegetarische Lebensweise bei einem der beiden Partner einen sehr hohen Stellenwert hat. Geht derjenige beispielsweise den Kompromiss ein, dass der Andere Fleisch vor ihm verzehrt, kann dies bei ihm ein ungutes Gefühl hervorrufen. Das Fleischessen des Gegenübers kann verletzend wirken. Es sollte daher ein Gleichgewicht bestehen zwischen dem, was die Beziehung leistet, und dem, was für die Beziehung geopfert wird.

Offenheit in der Partnerschaft ist wichtig

In einer Beziehung ist es wichtig, dem Partner authentisch gegenüberzutreten und die eigenen Gefühle offen zu kommunizieren. Das Gegenüber wiederum sollte mit den Gefühlen seines Partners empathisch umgehen können und diese ernst nehmen. Es stellt sich die Frage, ob die Beziehung beiden Parts erlaubt, sie selbst zu sein: Können wir uns offen und ruhig über unsere unterschiedliche Einstellung zum Essen unterhalten? Sind wir uns immer noch nahe, auch wenn jeder von uns anders denkt, fühlt und isst? In Beziehungen, in denen verschiedene Einstellungen zur Ernährung vorhanden sind, kommen solche Fragen auf. Nur die jeweiligen Betroffenen können diese beantworten.

Des Weiteren ist es wichtig, eine Frontenbildung zu vermeiden und bei Konflikten nicht den fleischessenden Partner für das karnistische System verantwortlich zu machen. „[Denn] auch der Fleischesser in einer Beziehung ist nur ein blockierter Vegetarier oder Veganer“, wie die Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy zu sagen pflegt. Die karnistische Ideologie dominiert unsere gesamte Gesellschaft und bewirkt, dass kritische Gedanken zur ethischen Dimension des Fleischkonsums unterdrückt werden.

Karnismus erkennen

Karnismus erkennen

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, dass sie vor eine Wahl stellt. Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen.

Wen lieben vegan lebende Menschen?

In einer Umfrage der Dating-Plattform Gleichklang wurden vegan lebende Menschen gefragt, ob sie sich eine Beziehung mit Vegetariern oder Fleischessern vorstellen könnten. Das Ergebnis: 89 % der Befragten wären für eine Beziehung mit vegetarisch lebenden Menschen bereit. Mit Fleischessern können sich dagegen nur 49 % eine Beziehung vorstellen. Die Umfrage zeigt, dass Veganer eine Beziehung mit vegan-vegetarisch lebenden Partnern deutlich bevorzugen.

3 Beziehungstipps von Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy

1. Akzeptieren Sie, dass persönliches Wachstum gesund ist und Veränderungen normal sind. Oftmals sind fleischessende Lebenspartner von vegan-vegetarisch lebenden Menschen der Meinung, dass von ihnen nicht erwartet werden darf, ihr Verhalten zu ändern, um die Bedürfnisse des Partners zu befriedigen, der zu Beginn der Beziehung noch Fleisch gegessen hat: „Du hast dich verändert, nicht ich!“. In langfristigen Beziehungen haben viele Menschen die irrige Erwartung, dass ihre Partner sich nie verändern sollten. Aber natürlich ist Veränderung unvermeidlich und im Sinn einer Weiterentwicklung – hin zu einem Leben in größerer Übereinstimmung mit den eigenen Werten – ein Segen für eine Beziehung, auch wenn damit gewisse Herausforderungen verbunden sind. Um den Bedürfnissen beider Partner gerecht zu werden, ist es wichtig, dass die eigene Weiterentwicklung als Erfolg und nicht als Verrat betrachtet wird.

2. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Beziehung, nicht auf Ihre Ideologie. In einer gesunden Beziehung respektieren Individuen die Einstellung des anderen, selbst wenn diese sich unterscheiden. Dazu sollte man versuchen, die jeweils andere Perspektive zu verstehen und nie als falsch abzutun. Das Kommunikationsziel ist also nicht „Recht zu haben“, sondern den anderen wirklich zu verstehen und von ihm verstanden zu werden.

3. Seien Sie sich bewusst darüber, dass vegan-vegetarisch lebende Menschen ein Recht darauf haben, verstanden zu werden – genau wie alle anderen. Es kann vorkommen, dass sich Fleischesser, mit denen wir Beziehungen führen, über unsere Entscheidung, vegan-vegetarisch zu leben, lustig machen oder negativ darüber urteilen. Wenn das geschieht, können Sie sagen: „Wir haben verschiedene Sichtweisen und ich will dir auch nichts vorschreiben. Aber ich will mich mit dir enger verbunden fühlen. Dazu muss ich wissen, dass du mich und meine Einstellung verstehst. Früher war Fleisch für mich das Gleiche wie für dich, aber jetzt sehe ich darin ein totes Tier – selbst wenn ich versuche, es nicht zu sehen, es passiert einfach ganz automatisch. Ich fühle mich dann traurig und angeekelt – in etwa so, wie du dich fühlen würdest, wenn es das Fleisch von einem Hund wäre.“

Literatur:

Carol J. Adams (2008): Living Among Meat Eaters: The Vegetarian’s Survival Handbook.

Melanie Joy (2013): Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung.