Familienkrise: Fleischesser und Veganer an einem Tisch

Familienkrise: Fleischesser und Veganer an einem Tisch Bildquelle: Rawpixel.com / shutterstock.com

Seine Familie kann man sich nicht aussuchen – im Gegensatz zu den Menschen, mit denen man eine Freundschaft oder Partnerschaft eingeht. Am Familientisch können unterschiedliche Essgewohnheiten schnell unangenehm werden. ProVeg gibt Tipps für ein harmonisches Beisammensein für vegetarisch, vegan und mischköstlich Lebende.

Jede Familie is(s)t individuell. In manchen Familien wird beispielsweise ganz offen und authentisch über Gefühle gesprochen, in anderen überwiegt eher ein sachlicher Umgang untereinander. In der einen Familie kann es sehr wichtig sein, gleiche Weltanschauungen zu vertreten, andere legen dagegen ihren Fokus auf gemeinsame Unternehmungen. Dabei ist es notwendig, sich mit den verschiedenen familiären Charakteren auseinanderzusetzen und gegebenenfalls zu arrangieren.

Essen als soziale Zeit in der Familie

Zusammen am Tisch sitzen und essen und sich dabei auszutauschen, ist Teil unserer Kultur. So wird diese gemeinsame soziale Zeit in vielen Familien zelebriert – wenn nicht unter der Woche, so zumindest an Feiertagen und an Wochenenden. Dass Essen viel mehr als reine Nahrungsaufnahme ist, zeigt sich auch im hektischen Familienalltag. Dort wird es zu einem gemeinsamen Ereignis, das die Familie zusammenhält und das eine Insel der Erholung schaffen kann.

Konfliktpotenzial in der Familie

Die meisten Veggies sind nicht in einer vegan-vegetarisch lebenden Familie aufgewachsen, sondern haben aus eigener Überzeugung und reiflicher Überlegung diese Lebensweise gewählt. Wer sich für eine vegan-vegetarische Ernährungsform entscheidet, kann damit das gesamte Familiensystem in Aufruhr versetzen.

Ob thematisiert oder nicht: Veggies führen mit ihrer Ernährungswahl den übrigen Familienmitgliedern vor Augen, dass ihre Esskultur für den vegan-vegetarisch lebenden Angehörigen nicht richtig ist. Vielleicht sind sie auch enttäuscht von ihren Eltern, dass sie nie in Frage gestellt haben, ob es ethisch vertretbar ist, Tiere zu essen.

Verlustängste auf beiden Seiten

Je nachdem, wie innig die Beziehung zu den einzelnen Familienmitgliedern ist, kann es auch zu Verlustängsten auf beiden Seiten kommen. Tiere essen hat eben einen zutiefst moralischen Bezug. Diese ethische Dimension kann bei manchen Menschen die Befürchtung auslösen, dass die Beziehung aufgrund der unterschiedlichen Haltung leidet und andersessende Familienmitglieder nicht mehr geliebt werden. Ob diese Befürchtungen berechtigt sind, muss sich jeder selbst beantworten.

Tipp 1: Über Bedürfnisse sprechen

Wenn die eigene Familie kein Verständnis für den vegan-vegetarischen Lebensstil hat, sollte man sich vor Augen halten, dass auch sie Teil des karnistischen Systems ist. Wer sich selbst und seiner Familie bewusst macht, dass Zuneigung und Bindung nicht auf der gleichen Ernährungsform beruhen, ist bereits einen großen Schritt weiter. Das trifft auch bei anderen Lebensweisen zu (z. B. bei homosexuellen Kindern von heterosexuellen Eltern).
Wenn man offen und authentisch Gefühle benennen und sich für eine vegan-vegetarische Lebensweise aussprechen kann, besteht die Möglichkeit, dass auf eigene Bedürfnisse auch (mehr) Rücksicht genommen wird.
Oft hilft auch Aufklärung: Wenn Verwandte die Gründe für die Lebensumstellung nachvollziehen können und eine gute Argumentation hervorgebracht wird, ist auch am ehesten Akzeptanz zu erwarten.

Tipp 2: Standhaft bleiben

Kommentare wie „Nur dieses eine Mal“ oder „Aber es ist doch Omas berühmter Auflauf“ können einem immer wieder begegnen. Wenn man seine Entscheidung für richtig hält und keine Verlustängste in Bezug auf die Familienbindung hat, fällt es leichter, diesen Kommentaren freundlich und ruhig zu begegnen. Eine Antwortmöglichkeit wäre beispielsweise: „Nein, danke. Ich esse lieber das hier.“

Tipp 3: Abbau der Barrieren in der Familie

Falls alles reden nicht hilft, heißt es: handeln! Bringen Sie selbst gemachte Speisen zu Familienfeiern mit. Oder besorgen Sie pflanzliche Alternativen für ein altbekanntes Gericht (z. B. pflanzliche Mayonnaise für Kartoffelsalat und dazu Seitan-Würstchen).

Fazit

Mit gegenseitiger Toleranz bleibt die wohlige Familienatmosphäre bestehen und so wird selbst das Schlemmen an Feiertagen zum schönen Ereignis.

Dipl.-Psych. Tamara Pfeiler

Autorin

Dipl.-Psych. Tamara Pfeiler