Beinahe jeder Mensch wurde von Kindesbeinen an darauf konditioniert, dass es normal, natürlich und notwendig sei, tierische Produkte wie Fleisch, Milch und Eier zu essen. Die wenigsten hinterfragen von sich aus diese Überzeugung. In solch einer Gesellschaft haben es vegan-vegetarisch lebende Menschen nicht immer leicht.

Die Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy taufte diese Überzeugung „Karnismus“ (englisch „carnal“ = fleischlich; „ismus“ = Ideologie). Die karnistische Ideologie zieht sich durch alle sozialen Institutionen unserer Gesellschaft: von Staat und Gesetzgebung über pädagogische Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten bis hin zu unserer Familie, unseren Arbeitskollegen, Freunden und Liebesbeziehungen.

Karnismus erkennen

Karnismus erkennen

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, dass sie vor eine Wahl stellt. Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen.

Die Ernährungsfrage ist eine ethische Frage

Obwohl es in unserer Gesellschaft als normal, natürlich und notwendig empfunden wird, Fleisch zu essen, empfinden wir Empathie für andere Lebewesen wie Hunde und Katzen und haben Werte wie Gewaltfreiheit und Mitgefühl verinnerlicht. Die meisten Menschen würden Tiere weder quälen noch töten. Kühe, Schweine und Hühner allein für den Geschmack ihres Fleisches und anderer tierischer Produkte auszubeuten und zu töten, können die wenigsten Menschen in unserer Gesellschaft mit ihren Grundwerten vereinbaren. Das karnistische System führt zu großen Ambivalenzen und zu einer Verminderung unserer Integrität (Übereinstimmung des Wertesystems mit unserem Handeln).

Diese Widersprüchlichkeit umgeht unsere Gesellschaft, indem sie den ethischen Hintergrund unserer Ernährung ignoriert und ausblendet. Jeder kritische Gedanke über das Essen von Tieren wird häufig im Keim erstickt. Die ethische Tragweite des Konsums von Tierprodukten ist unserer Gesellschaft überwiegend nicht bewusst, vor allem nicht in dem Moment, in dem Fleisch oder andere Tierprodukte gegessen werden. Auch PR-Maßnahmen der Industrie wie Bilder von angeblich glücklichen Tieren in der Bio-Tierhaltung helfen Menschen dabei, ihr Gewissen zu beruhigen und das Essen von Fleisch und Eiern oder das Trinken von Milch nicht in Frage zu stellen.

Viele Menschen verschließen die Augen vor der Realität

Die meisten Menschen wissen, dass sogenannte Nutztiere schlecht behandelt werden, möchten aber gern die Augen vor der Realität verschließen: „Ja, eigentlich müsste ich auch Vegetarier oder Veganer werden, aber Fleisch schmeckt einfach so gut“ oder ähnliches hört man oft als Rechtfertigung von fleischessenden Menschen. Von aktuellem Filmmaterial wird meist nur der Anfang angeschaut, weil die Bilder so schrecklich sind. Doch das Verhalten wird nicht automatisch geändert. In unserer karnistisch dominierten Gesellschaft fällt es leicht, die Tatsachen zu verdrängen und so weiterzuleben wie bisher.

Aber warum stellen manche Menschen ihre Ernährung um? Warum verändert sich ihre Sicht auf die Welt? Meist sind es Anreize von außen, die den Blick auf bestimmte Nahrungsmittel und deren ethischen Hintergrund verändern. So zum Beispiel eine Dokumentation über Tierhaltung oder eine vegan-vegetarisch lebende Person im eigenen Umfeld. Wer sich als vegan oder vegetarisch lebender Mensch „outet“, stößt nicht selten auf Konfrontationen. Es fängt bei Kleinigkeiten an, wie einem Kochabend mit Freunden, und endet beispielsweise bei der Diskussion, wie das kommende Baby in den ersten Jahren ernährt werden soll bis es selbst eine Entscheidung treffen kann.

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„Kognitive Dissonanz“ als psychologischer Konflikt

Wenn fleischessende Menschen mit einer vegan-vegetarischen Lebensweise konfrontiert werden, löst diese Information („Ich kann mich auch gegen den Konsum von Fleisch, Milch und Eier entscheiden“) häufig einen psychologischen Konflikt aus. „Kognitive Dissonanz“ ist ein innerer, unangenehmer Spannungszustand, der entsteht, wenn das frei gewählte Verhalten nicht mit den eigenen Werten oder Einstellungen übereinstimmt. Der Begriff wurde 1957 von dem US-amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger geprägt.

Die durch „Kognitive Dissonanz“ entstandenen Spannungen und negativen Gefühle können abgebaut werden, indem entweder die Grundwerte (recht unwahrscheinlich), das Verhalten (langfristige Konsequenz) oder die Emotionen und Kognitionen (häufigste Reaktion) verändert werden. Wenn fleischessenden Menschen also bewusst wird, dass das Essen von Fleisch nicht einfach gegeben oder gar notwendig, wie bis dato geglaubt, sondern eine freie Entscheidung ist, kommen sie in einen psychologischen Konflikt und versuchen, die negativen Gefühle wieder abzubauen.

Abwehrhaltung als Reaktion auf „Kognitive Dissonanz“

Die meisten Menschen verändern jedoch nicht ihre Werte (Tierquälerei oder Tötung für den Fleischgeschmack ist nicht legitim) oder ihr Verhalten (Umstellung auf eine vegan-vegetarische Ernährung): Die häufigste Reaktion auf „Kognitive Dissonanz” ist die Anpassung der Emotionen (die Empathie für das „Nutztier” abblocken) oder der Kognitionen (Wahrnehmungsveränderung: Fleisch anstatt Körperteil; das Tier wird zum Objekt). Eine weitere Möglichkeit, diese Spannung abzubauen, ist, die neue Information (eine vegan-vegetarische Lebensweise) abzuwehren oder abzuwerten.

Jeder Mensch kennt den Zustand von „Kognitiver Dissonanz”. Ein einfaches Beispiel: Nach einer Bewerbung auf eine Stelle bekommt man eine Absage. Um mit dieser Ablehnung und den dadurch entstandenen negativen Gefühlen besser umgehen zu können, wird der Job oder der Arbeitgeber abgewertet. Ist einem dieser psychologische Mechanismus bewusst, können die oft stark negativen Reaktionen von fleischessenden Menschen besser nachvollzogen werden, denn: Wie hoch ist wohl die innere Anspannung durch „Kognitive Dissonanz”, wenn es sich um eine Entscheidung zwischen Leben und Tod sowie um eine so tief verwurzelte Überzeugung handelt, wie das beim Essen von Tieren der Fall ist?

Die vegan-vegetarische Lebensweise vorleben

Es versteht sich von selbst, dass zwischenmenschliche Beziehungen von gegenseitiger Toleranz geprägt sein sollten und nicht von der Art der Ernährung abhängen. Eine andere Lebensweise macht das Gegenüber nicht zu einem schlechteren Menschen. Es ist das karnistische System (die Fleischindustrie, Gesetze und Gewohnheiten), welches das Leid ermöglicht. Der Einzelne trägt nicht die Verantwortung für das ganze System, sondern nur für sein eigenes Konsumverhalten. Möchte man Freunden und Bekannten die Vielfalt und Vorteile der fleischfreien Küche näherbringen, sollte man die eigene Lebensweise authentisch vorleben und den Vorwurf durch das Vorbild ersetzen. Dazu bietet sich zum Beispiel eine Einladung zu einem gemeinsamen vegan-vegetarischen Kochabend oder ein Besuch in einem der zahlreichen vegan-vegetarischen Restaurants in Deutschland an.

Dipl.-Psych. Tamara Pfeiler

Autorin

Dipl.-Psych. Tamara Pfeiler