Veganer Frauenarzt über pflanzliche Ernährung und Frauengesundheit

Oliver Dib veganer Frauenarzt

Der vegane Frauenarzt Oliver Dib lebt mit seiner Frau und seinen Töchtern in der Nähe von Lörrach (Baden-Württemberg). Dort hat er eine Arztpraxis für Gynäkologie. Im Interview verrät er uns, welche Rolle die pflanzliche Ernährung in seiner Praxis spielt und wie sie zur Frauengesundheit beiträgt.

Seit wann ernähren Sie sich vegan und was hat sich seither bei Ihnen verändert?

Seit etwa 2 Jahren ernähre ich mich vegan, davor längere Zeit vegetarisch. Zudem habe ich beispielsweise eine vegan-glutenfreie und eine roh-vegane Ernährungsform ausprobiert. Ich stellte dabei fest, dass diese beiden Formen ebenfalls ihre Daseinsberechtigung haben und mit beiden ging es mir insgesamt gut. Die rohköstliche Ernährung habe ich allerdings unterbrochen, wegen nächtlichen Verdauungsproblemen und dem gelegentlichen Verlangen nach einer warmen Mahlzeit. Insgesamt fühle ich mich seit der Umstellung auf eine rein pflanzliche Ernährung deutlich wohler. Ich schlafe besser und habe auch weniger Verdauungsprobleme.

Was raten Sie Menschen, die ihre Ernährung umstellen wollen?

Jede Ernährungsumstellung hat ein Stück weit mit Disziplin zu tun, vor allem in den ersten Tagen. Irgendwann sollte aber auch der Genussfaktor zum Tragen kommen. Zudem sollte man sich mit der gewählten Ernährungsform wohlfühlen. Wenn man ständig über das Essen nachdenken muss, um keine „Fehler“ zu begehen, kommt es vermehrt zu Stress – das kann die positiven Effekte einer gesunden Ernährung aufheben. Kurz gesagt: Konzentrieren Sie sich auf die positiven Aspekte, die die pflanzliche Ernährung mitbringt, und genießen Sie die Mahlzeiten.

Wie wird in Ihrer Familie mit dem Thema vegan umgegangen?

Meine Familie ernährt sich mischköstlich. Ich habe immer Wert darauf gelegt, nicht missionarisch zu wirken. Sehr oft probieren meine 3 Töchter aber die veganen Gerichte und meistens schmeckt es ihnen auch. Fleisch gibt es bei uns maximal einmal in der Woche.

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Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Taucht Brustkrebs oder Gebärmutterhalskrebs bei einer rein pflanzlichen Ernährung seltener auf als bei Mischköstlerinnen?

Das ist schwer zu sagen. Viele Frauen fangen nach der Diagnose an, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren. Bisher hatte ich keine Patientinnen, die sich vegan ernährten und schwere chronische Krankheiten entwickelten. Ich glaube, dass eine rein pflanzliche Ernährung chronischen Erkrankungen vorbeugen kann.

Laut Schätzungen sind in Deutschland mindestens 2 Millionen Frauen von Endometriose – dem Auftreten von gebärmutterschleimhautähnlichem Gewebe außerhalb der Gebärmutter – betroffen. Stimmt es, dass gerade Milchprodukte bei dieser Krankheit schädigend wirken können?

Die genauen Entstehungsmechanismen von Endometriose sind noch nicht endgültig geklärt. Es hat sich aber gezeigt, dass Endometriose-Patientinnen häufig auch eine Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) haben. Man weiß, dass sich Milchprodukte negativ auf die weiblichen Geschlechtsorgane auswirken und Entzündungen fördern können. Hierbei wird von einer vermehrten Aktivierung an Entzündungsstoffen ausgegangen. Deshalb empfehle ich Endometriose-Patientinnen eine milcheiweißfreie Ernährung, kombiniert mit antientzündlichen Mikronährstoffen wie hochdosiertem Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren. Beispiele für mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind Soja-, Raps-, Walnuss- oder Leinöl sowie Leinsamen.

Können Sie uns sagen, welche Verhütungsmittel vegan sind?

Die allermeisten Pillenpräparate sind wegen der verwendeten Laktose nicht vegan. Aktuell gibt es, soweit ich weiß, 2 vegane Pillen auf dem Markt. Die Kupferverhütungen (Spirale, Kette, Ball) sind laut Hersteller vegan. Bei jungen Frauen, die noch keine Kinder geboren haben, hat sich insbesondere die Kupferkette als hormonfreie Alternative sehr bewährt. Auch die Hormonspirale ist laut Hersteller vegan. Zusätzlich gibt es seit einiger Zeit vermehrt auch vegane Kondome in immer mehr Drogerien zu kaufen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit einer veganen Schwangerschaft gemacht?

Wenn einige Regeln beachtet werden, laufen vegane Schwangerschaften meist unkomplizierter ab als bei Mischköstlerinnen. Diese Schwangeren haben seltener Bluthochdruck oder Schwangerschafts-Diabetes. Um Nährstoffdefizite zu vermeiden, sollten die Blutwerte regelmäßig überprüft und gezielt Nahrungsergänzungsmittel verabreicht werden. Die allermeisten meiner Patientinnen, die sich rein pflanzlich ernähren, sind darüber schon zu Beginn der Schwangerschaft gut aufgeklärt. Wenn diese Kontrollen und Substitutionen richtig ablaufen, kommt es zu keinen Defiziten. Problematisch ist es nur, wenn die werdende Mutter jegliche Form der Blutentnahme oder Mikronährstoffgaben ablehnt.

Welche Nahrungsmittel sollten Frauen in den Wechseljahren gezielt essen?

Laut aktueller Studienlage kann eine vegane Ernährung Wechseljahresbeschwerden deutlich lindern. Es fällt mir schwer, einzelne Lebensmittel zu empfehlen, weil eine Ernährungsberatung immer individuell erfolgen muss. Nicht nur das Nahrungsmittel selbst, sondern auch die Zubereitung und Tageszeit ist entscheidend. Beispielsweise sind Hülsenfrüchte in den Wechseljahren sehr gut, aber nur gekocht und möglichst nicht am Abend. Soja enthält Phytoöstrogene, also sekundäre Pflanzenstoffe, die an den Hormonrezeptor binden und eine hormonähnliche Wirkung erzeugen können. Auch Rhabarber und Granatapfel werden diese für die Wechseljahre positiven Eigenschaften zugeschrieben.

Menstruationstassen, Slipeinlagen aus Stoff und Stoffwindeln: Was halten Sie von diesem nachhaltigen Trend?

Grundsätzlich bin ich immer offen für Neues. Dabei ist das Handling der Anwenderinnen entscheidend, vor allem eine korrekte Hygiene ist wichtig. An sich finde ich Menstruationstassen nicht schlecht, allerdings sollte man den optimalen Menstruationsschutz im individuellen Beratungsgespräch mit der Patientin erörtern.

Vielen Dank, Oliver Dib, für das Gespräch.

Irina Vollmer

Autorin

Irina Vollmer

Master of Science in Public Health Nutrition