Vom Alkoholiker zum Ultraman: Der vegane Extremsportler Rich Roll im Interview

Rich Roll Extremsportler © John Segesta

Mit Anfang 40 war Rich Roll übergewichtig und Alkoholiker. Er beschloss, sein Leben zu ändern, stieg mit Hilfe seiner Frau Julie Piatt auf ein veganes Leben um und wurde einer der 25 fittesten Männer der Welt. Er nahm an der Ultraman-Weltmeisterschaft teil: insgesamt 515 Kilometer Schwimmen, Laufen und Radfahren in drei Tagen. Später absolvierte er die „Epic5“ – unglaubliche fünf Langdistanz-Triathlons hintereinander. Seine Biografie „Finding Ultra“ wurde ein Bestseller. Rich Roll und Julie Piatt sind weltweit gefragte Redner und Botschafter ihrer „Plantpower-Philosophie“.

Rich Roll, nicht jeder, der sein Leben ändert, wird Extremsportler. Warum Sie?

Rich Roll: Ich war schon immer sportlich und in meiner College-Zeit ein erfolgreicher Schwimmer. Später habe ich wie verrückt gearbeitet und nicht mehr auf mich geachtet. Am Ende hatte ich 25 Kilo Übergewicht und kam die Treppen nicht mehr hoch. Ich musste etwas ändern. Das mit dem Extremsport hat sich ergeben: Ich wollte sehen, was möglich ist, und es war eben mehr möglich, als ich dachte. So ging es immer weiter, bis zum Ultraman.

Und von diesem Wendepunkt bis zum ersten Ultraman-Wettkampf dauerte es wie lange?

Rich Roll: Ungefähr zwei Jahre. Ich war erstaunt, wie schnell ein Körper regeneriert und schlechte Angewohnheiten verlernt. Trotzdem war es ein Prozess mit Höhen und Tiefen. Aber nach jedem Rückschlag ging wieder ein bisschen mehr. Die eigentliche Wettkampfvorbereitung begann dann acht Monate vor dem ersten Rennen.

Wie kamen Sie dazu, vegan zu leben?

Rich Roll: Eher durch Zufall. Eine so radikale Veränderung, wie ich sie brauchte, passiert nicht über Nacht. Ich habe viel ausprobiert, wie fasten, vegetarisch und eiweißbasiert essen, und festgestellt: Eine pflanzenbasierte Ernährung bekommt mir am besten. Dass das im Extremsport eine Ausnahme ist, war mir gar nicht klar.

Haben Sie einen speziellen Ernährungsplan?

Rich Roll: Im Moment steht kein Wettkampf an, aber ich trainiere jeden Tag. Ich setze auf eine Ernährung mit hoher Nährstoffdichte, viel Eiweiß, Antioxidantien und komplexen Kohlenhydraten. Das bringt Leistungsenergie, sorgt aber auch für eine schnelle Erholung nach dem Training. Mein Tag beginnt in der Regel mit einem energiereichen Smoothie. Nach dem Morgentraining nehme ich einen regenerierenden Smoothie zu mir und anschließend ein kohlenhydratreiches Mittagessen. Wenn noch ein Nachmittagstraining ansteht, gibt es vorher einen eiweißhaltigen Energieriegel. Auch das Abendessen ist eher eiweißlastig.

Gehören Nahrungsergänzungsmittel dazu?

Rich Roll: Grundsätzlich bekommt der Körper zwar alle Nährstoffe aus naturbelassener, pflanzlicher Nahrung, aber es gibt Ausnahmesituationen wie hartes Training oder sonstige hohe Beanspruchung. Manches Obst und Gemüse hat heute auch weniger Nährstoffe, einfach weil die Böden sie nicht mehr hergeben. Wer merkt, dass er von irgendetwas zu wenig bekommt – und ich empfehle hier regelmäßige Tests – sollte auf jeden Fall zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen. Aber nicht die natürliche Nahrung mit ihnen ersetzen.

Mit den Rezepten aus Ihrem „Plantpower-Kochbuch“ versprechen Sie, schlanker, fitter und vitaler zu werden. Wie geht das?

Rich Roll: Natürlich ist nicht alles Pflanzliche gesund. Der amerikanische Markt wird gerade überschwemmt von veganem Junkfood wie Fleischalternativen, Eiscreme, Schokolade oder Chips. Unsere Rezepte bestehen aus frischen, nicht verarbeiteten Lebensmitteln. Und dass unser Konzept funktioniert, wissen wir aus tausenden von E-Mails aus der ganzen Welt.

Julie Piatt, wie sehen diese Rezepte aus?

Julie Piatt: Naturbelassen, schnell und einfach. Die Natur liefert alles, was wir brauchen. Unser Essen ist nicht zwangsläufig roh, aber nicht industriell verarbeitet. Ich bin zum Beispiel keine Freundin von Fleischalternativen und auch Tofu verwende ich nur sehr zurückhaltend.

Was haben Sie denn gegen Tofu?

Julie Piatt: Gar nichts. Allerdings kommt Tofu in der pflanzlichen Küche inflationär vor. Das muss nicht sein und ich zeige Alternativen. Unsere Rezepte verfeinern das, was die Natur uns gibt, anstatt es in etwas komplett anderes zu verwandeln.

Muss ich für die „Plantpower-Küche“ irgendetwas lernen oder vorbereiten?

Julie Piatt: Ich habe schon viele Kochstile ausprobiert und glauben Sie mir: Die „Plantpower-Küche“ ist wahnsinnig einfach. Nur zwei Dinge sind unverzichtbar: ein guter Mixer und ein Entsafter. Außerdem sollten Sie sich ein wenig Zeit in der Küche nehmen. Aber diese Investitionen lohnen sich, denn unsere Gesundheit und ein leistungsfähiger Körper sind ein großes Kapital. Einsteigern empfehle ich immer, mit den Dressings und Soßen zu beginnen. So haben sie schnell etwas Leckeres zu jeder Beilage und können ihre Küche darauf aufbauen.

Sie verwenden ausschließlich glutenfreies Getreide. Warum?

Rich Roll: Heutzutage entwickeln immer mehr Menschen Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten, weil unsere Nahrung nicht mehr das ist, was sie einmal war. Zum Beispiel Weizen: Er ist hochgezüchtet, verändert und enthält wesentlich mehr Gluten als die alten Sorten. Deshalb reagieren manche Menschen sensibel darauf. Mit einer glutenfreien Ernährung kann man sich selbst testen: Wem es danach ebenfalls besser geht, so wie uns, sollte weiterhin Gluten meiden oder es zumindest einschränken.

Ihre ganze Familie lebt nach der „Plantpower-Philosophie“. Wie kommen die Kinder damit klar?

Rich Roll: Sehr gut. Der Weg in ein veganes Leben ist immer ein Prozess, jeder startet von einem anderen Punkt. Wir möchten unseren Kindern diesen Weg nicht vorzeichnen, sondern geben ihnen Informationen und lehren sie Verantwortung und Spaß am Leben. So treffen sie später hoffentlich die für sie richtigen Lebensentscheidungen.
Julie Piatt: Die Kinder mögen das Essen einfach gern, das ist die Hauptsache. Ich biete ihnen jeden Tag etwas Leckeres und Gesundes an und wir essen gemeinsam. Aber wenn sie zum Beispiel etwas mit Ei probieren möchten, dann dürfen sie das.

Die Kinder müssen also nicht vegan leben?

Rich Roll: Wir verbieten und empfehlen nichts. Wenn die Kinder in der Schule oder bei Freunden, also nicht zu Hause sind, sollen sie selbst entscheiden. Wir möchten sie nicht zu Außenseitern machen, sondern sie langfristig in ein ausbalanciertes Leben führen.

Rich Roll, was kann man von Ihnen lernen, wenn man sich nicht in einer Krise befindet oder Ultraman werden möchte?

Rich Roll: Ich denke, in jedem von uns steckt ein authentischer Mensch und unsere Aufgabe ist es, an uns selbst zu wachsen. Es fängt damit an, sich mehr um seinen Körper zu kümmern – mit gesünderer Ernährung und Sport. Aber dann geht es weiter – hin zu einer verantwortungsvollen Verbindung zu unseren Mitmenschen und der Natur. Das macht unglaublich zufrieden und glücklich. Ich verspreche nicht, reicher oder beliebter zu werden. Es geht nicht um Ziele. Ziele sind eine Illusion. Die Reise an sich ist eine wunderbare Erfahrung.

Das alles klingt nach Musterfamilie. Ist Ihr Leben wirklich immer gesund, nachhaltig, umweltbewusst …?

Rich Roll: Wir sind nicht perfekt. Wir gehen unseren Weg und der ist auch für uns manchmal anstrengend. Wir geben einfach jeden Tag unser Bestes. Natürlich klappt das nicht immer. Bei veganem Junkfood werde ich zum Beispiel oft schwach, besonders bei Chips und Eis.

Wann gehen Sie den nächsten Ultraman an?

Rich Roll: Konkret geplant ist das im Moment nicht. Die Energie, die mich damals zu diesen extremen Leistungen motiviert hat, fokussiere ich heute auf meine Vorträge und Coachings. So viele Menschen zu erreichen, ist ein großes Geschenk und wir möchten das bestmöglich nutzen. Aber das heißt nicht, dass ich nie wieder ein Rennen bestreite. Wir werden sehen.

Bettina Paul

Autorin

Bettina Paul

Freie Beraterin