Der vegane Stratege und ProVeg-Mitgründer Tobias Leenaert im Interview

Tobias Leenaert

Seit vielen Jahren denkt Tobias Leenaert intensiv über effektive Strategien für die pflanzliche Lebensweise und den Tierschutz nach, schreibt ein Blog und hält Vorträge. Nun hat der ProVeg-Mitgründer sein Wissen in einem Buch zusammengefasst.

Tobias, du bist als „The Vegan Strategist“ bekannt. Was genau machst du eigentlich?

Nachdem ich die Veggie-Organisation EVA in Belgien 15 Jahre lang geleitet hatte, änderte ich meinen Tätigkeitsschwerpunkt: Anstatt mich auf Fleischessende zu konzentrieren, richtete ich mich eher an Leute, die sich bereits mit unseren Werten identifizieren und selbst schon aktiv sind: vegetarisch und vegan lebende Menschen beziehungsweise Tierrechtlerinnen und Tierrechtler. Ich startete mein Blog www.veganstrategist.org und begann, Vorträge für vegane Aktivistinnen und Aktivisten in der ganzen Welt zu halten. Mein Ziel ist es, Aktive erfolgreicher zu machen, damit wir insgesamt mehr Tieren helfen können. Daher bieten Dr. Melanie Joy und ich mit unserem „Center for Effective Vegan Advocacy“ (CEVA) inzwischen zweitägige Workshops weltweit an.

Du hast kürzlich viele Jahre deines strategischen Denkens in einem Buch zusammengefasst. Worum geht es darin und an wen richtet es sich?

„How to Create a Vegan World – A Pragmatic Approach“ richtet sich an alle, die zu einer besseren Welt für (Nutz-)Tiere beitragen wollen. Aber auch wer sich für eine Reduktion des Fleischkonsums aus Gesundheits- oder Umweltgründen engagiert, kommt hier auf seine Kosten. Mein Ansatz dabei ist in vielerlei Hinsicht pragmatisch: Das Buch zeigt, wieso eine kritische Anzahl an Menschen, die ihren Konsum tierischer Produkte reduziert, strategisch sehr wichtig ist, um eine vegane Welt zu schaffen. Es beschreibt außerdem, warum Aktivistinnen und Aktivisten nicht zwangsläufig die ganze Zeit über (tier-)ethische Argumente reden müssen. Denn es ist möglich, auch erst in Folge einer Verhaltensänderung sein Herz für Tiere zu entdecken (etwa Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen begonnen haben, sich pflanzlich zu ernähren). Außerdem ist unser Umfeld extrem wichtig: Wir sollten den Menschen die Veränderung möglichst einfach machen. Und schließlich enthält das Buch noch zahlreiche Tipps zu effektiver Kommunikation.

Was genau bedeutet Veganismus für dich?

Ich verstehe mich als Veganer, auch wenn ich aus Sicht einiger die Kriterien hierfür nicht zu erfüllen scheine. Beispielsweise prüfe ich die Zutaten von Wein oder Brot nicht, wenn ich essen gehe, oder mache manchmal sehr kleine Ausnahmen aus pragmatischen Gründen. Meiner Meinung nach geht es nicht um Konsistenz bezogen auf eine Definition, ein System oder eine Ideologie, sondern in Bezug auf das Prinzip, das Leiden und Töten der Tiere zu reduzieren. Zudem glaube ich, dass wir erheblich mehr Menschen erreichen könnten, wenn wir die vegane Lebensweise als etwas 99-Prozentiges statt einer Alles-oder-Nichts-Frage betrachten würden.

Als Bewegung ist es besonders wichtig, freundlich und offen zu sein. Es sollte nicht darum gehen, diejenigen auszumachen, die nicht vegan genug sind, weil sie unseren eigenen Ansprüchen nicht genügen. Mit einem moralischen Absolutheitsanspruch lassen sich keine Herzen gewinnen. Natürlich sollte die vegane Idee auch nicht total verwässert werden. Doch im Großen und Ganzen denke ich, dass es deutlich sinnvoller ist, die Bezeichnung „vegan“ auf Produkte und Nahrungsmittel anzuwenden als auf Menschen.

Warum ist strategisches Denken wichtig?

Strategisch vorzugehen bedeutet, den Weg zu wählen, der am schnellsten und leichtesten zum Ziel führt. „Strategisch“ ist für mich gleichbedeutend mit „pragmatisch“. Pragmatisch bedeutet, sich auf Ergebnisse zu konzentrieren und gegebenenfalls auch mal die Regeln an einigen Stellen außer Acht zu lassen, wenn dies zu besseren Ergebnissen führt. Idealistisch hingegen ist es, wenn dem Einhalten von Prinzipien mehr Bedeutung geschenkt wird und stets versucht wird, das Richtige zu tun, selbst wenn das nicht das beste Resultat für die Tiere bedeutet. Es ist zwar bei beiden Ansätzen möglich, zu weit zu gehen, an sich falsch sind jedoch beide nicht. In der gegenwärtigen Situation, in der unsere Gesellschaft noch extrem von der Tiernutzung abhängt, benötigen wir allerdings meiner Meinung nach deutlich mehr Pragmatismus.

Wie reagieren die Menschen auf deine Ideen?

Auch wenn es einige kritische Stimmen gibt, scheinen viele Veganerinnen und Veganer meinen rationalen Ansatz zu teilen. Ich respektiere die unterschiedlichen Formen von Aktivismus, glaube aber auch, dass es wichtig ist, immer aufgeschlossen zu sein und selbst unsere liebgewonnenen Ideen kritisch zu hinterfragen. Nur so können wir uns als Individuen und als Bewegung kontinuierlich verbessern und effektiver in dem werden, was wir machen. Andernfalls besteht die Gefahr, im Dogmatismus zu versinken. Um Menschen zum Nachdenken zu bringen, verwende ich gern Gedankenexperimente – wie etwa: Würden Sie als vegetarisch-vegan lebender Mensch für 100.000 Euro ein Steak essen, um das Geld dann einer veganen Organisation zu spenden? Solche Dilemmata verraten uns einiges über unsere Intuitionen, unsere Werte und Strategien.

Sind strategisches Denken sowie der Fokus auf Effektivität in der Tierrechts- und Veganismusbewegung heute hinreichend präsent?

In beiden Bewegungen bestand schon immer die Gefahr, die Ziele aus den Augen zu verlieren. Wir Aktive sind sehr leidenschaftliche Menschen, was manchmal kontraproduktiv sein kann. Und wir haben über Jahrzehnte hinweg eine quasi orthodoxe Ideologie geschaffen, die nicht unbedingt hilfreich dabei ist, auch einmal über unsere eigenen Grundsätze hinauszudenken. In jüngerer Vergangenheit zeichnet sich jedoch eine klare Verschiebung hin zu Effektivität und Pragmatismus ab. Unsere Bewegung ist auch deutlich forschungsorientierter und datengestützter geworden. Kurzum: Wir sind in den letzten Jahren reifer geworden.

Insbesondere die großen Organisationen wie ProVeg bedienen sich einer effektiven und pragmatischen Herangehensweise im Gegensatz zu kleinen Graswurzelgruppen. Der Grund hierfür ist einfach: Um als Organisation bessere Ergebnisse durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren erzielen zu können, muss pragmatisch gedacht werden. Nicht immer können die Ziele, die angepeilt waren, erreicht werden. Möglicherweise müssen Kompromisse eingegangen und sich mit Schritten auf dem Weg zum Ziel zufrieden gegeben werden. Das ist kein Verrat, sondern gesunder Realismus.

Du bist Mitgründer von ProVeg International. Was macht ProVeg aus strategischer Sicht interessant?

Ich finde es großartig, wie wir mit ProVeg versuchen, auf Personen in einflussreichen Positionen einzuwirken. Es ist ein Top-down-Ansatz, bei dem wir mit unserer Botschaft an große Institutionen (Caterer, Krankenhäuser, Regierungen) herantreten. Und es ist ein pragmatischer Ansatz, da wir eine Halbierung von Tierprodukten bis 2040 verfolgen. Das ist nicht unser Endziel, jedoch eine realistische und – noch viel wichtiger – eine leichter zu akzeptierende Zielsetzung für unterschiedlichste Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger.

Wie wird die Welt 2040 aussehen?

Es ist noch ein langer Weg und schwer vorherzusagen, wann wir den Wendepunkt erreichen, der die Entwicklung beschleunigt. Jedenfalls glaube ich, dass es entscheidend ist, eine gewisse kritische Masse zu erreichen. Ich denke, dass wir eine bestimmte Anzahl von Menschen benötigen, die zu einem gewissen Prozentsatz vegan ist, um diesen Wendepunkt auf dem schnellsten Weg zu schaffen – anstatt eines bestimmten Prozentsatzes von 100-prozentigen Veganerinnen und Veganern.

  • Tobias Leenaert

    How to Create a Vegan World

    A Pragmatic Approach
    Lantern Books 2017,
    214 Seiten, 17,00 €, ISBN 978-1-59056-570-4

Jens Tuider

Autor

Jens Tuider

Assistent der Geschäftsführung