Vegane Autos im Trend: Thomas Majchrzak im Interview

vegane Autos

Thomas Majchrzak ist Herausgeber von Autogefühl, einer der international führenden Automagazine im digitalen Bereich. Als passionierter Veganer, aber auch im Rahmen einer kundenorientierten Berichterstattung ist es dem Journalisten wichtig, auf die Problematik von Echtleder in Autos hinzuweisen. Ganz aktuell setzt Tesla nur noch auf vegane Autositze.

Nicht umsonst steht Thomas Majchrzak auf der Plant-Based-News-Liste der 100 einflussreichsten Veganer: Auf der Website (Deutsch) und dem YouTube-Kanal (Englisch) behandelt das zehnköpfige Autogefühl-Team vorwiegend Auto-Neuvorstellungen, aber auch Hintergrundgeschichten aus der Automobilindustrie. Die Videos zählen weltweit schon rund 100 Millionen Aufrufe.

Thomas Majchrzak, seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema vegane Autos und wie kam es dazu?

Wie viele Autokäufer dachte ich früher, dass Ledersitze der Inbegriff von Luxus sind und Leder nur der „Abfall“ der Fleischproduktion ist. Zunächst stellte ich fest, dass Ledersitze viele Nachteile haben. Sie sind zum Beispiel im Sommer sehr heiß und man schwitzt darauf, im Winter dagegen sind sie sehr kalt. Für die ethische Dimension sorgte Ende 2013 die ausgezeichnete Dokumentation „Gift auf unserer Haut“ von Manfred Karremann, die zeigte, wie viel Leid für Mensch, Tier und Umwelt mit der Lederproduktion verbunden ist. Sofort fing ich an, das Thema auch in der Automobilindustrie zu beleuchten. Und schnell wurde klar, dass kein Hersteller dazu ausführlich und transparent Auskunft geben will. Den Kunden wird das Thema komplett verschwiegen.

Stimmt es, dass Sie der einzige Auto-Rezensent sind, der das Thema Lederausstattung in Autos kritisiert?

Anfangs ja. Es dauerte mehrere Jahre, bis andere Journalisten und die Hersteller das Thema ernst nahmen. Seit 2016 hat sich das massiv gewandelt. Mittlerweile gab es auf unsere Initiative hin zahlreiche Berichterstattungen weltweit und es gibt immer mehr Journalisten, die sich auch ganz persönlich für nachhaltige Innenräume aussprechen. Meine Zuschauer haben die Lederthematik übrigens von Anfang an positiv aufgenommen, wobei ich auch hier jüngst einen Gesinnungswandel feststelle, denn seit gut einem Jahr verläuft die Kommunikationsrichtung auch andersherum. Machte ich früher noch verstärkt auf die Lederproblematik aufmerksam, werde ich heute täglich mehrfach nach dem Thema gefragt oder die Zuschauer informieren andere darüber.

Gibt es außer den Ledersitzen noch andere Autoteile, die potenziell aus tierischen Bestandteilen sind?

Die ausschlaggebenden Autoteile, die Leder enthalten, sind Sitze, Lenkrad und Schaltsack. Die Kleber sind High-Tech-Industriekleber ohne Substanzen tierischen Ursprungs, weil sie hohen Belastungen standhalten müssen. In manchen Schmierstoffen können tierische Bestandteile stecken, ebenso in Reifen, wobei manche Reifenhersteller ihr Produkt konkret als „tierfrei“ auszeichnen. Wolle ist auch noch ein Thema. Aber in der Gesamtheit geht es hauptsächlich um Lenkrad und Sitzinnenflächen, die aus Leder bestehen können.

Welche pflanzlichen Alternativen zu Leder und Co. stehen der Automobilindustrie zur Verfügung?

Die gängigen Alternativen sind Stoff, Mikrofaser und Kunstleder. Stoff ist in puncto Sitzkomfort eigentlich die beste Lösung. Mikrofaser läuft auch unter dem Namen Velours oder unter den Marken Alcantara oder Dinamica. Das sieht dann besonders hochwertig aus und sorgt auch für eine andere Haptik. Kunstleder schließlich imitiert die glatte Oberfläche, wobei man bei hochklassigen Kunstleder-Oberflächen überhaupt nicht unterscheiden kann, ob es Echt- oder Kunstleder ist. Hier sind die meisten Materialien derzeit noch auf Erdöl-Basis oder recyceltem Plastik. Abgesehen vom Tierleid ist auch die CO2-Belastung von Echtleder im Gegensatz zu Kunstleder enorm. Künftig werden aber auch andere pflanzenbasierte Materialien Einzug finden. Ein gutes Beispiel ist Pinatex: Kunstleder auf der Basis von Ananas-Blättern. Weitere Lederalternativen basieren auf Myzelien (Wurzelgeflecht von Pilzen), außerdem gibt es noch Kork.

Wie groß ist Ihr Einfluss auf die Automobilbranche, Lederalternativen in Autos zu verwenden?

Hochgerechnet mit unserer Reichweite von etwa 3 Millionen Aufrufen pro Monat und mit anderen Vergleichswerten können wir konservativ geschätzt davon ausgehen, dass durch unser Engagement weltweit eine fünfstellige Zahl von Autos ohne Ledersitze gekauft wurde. Bei den Herstellern konnte ich in zahlreichen Gesprächen mit Produktmanagern, Designern, Ingenieuren und der Führungsriege klarstellen, dass sich Bedarf und Nachfrage geändert haben. Derzeit haben beispielsweise Bentley, Kia und Mini jeweils Projekte gestartet, die einen veganen Innenraum entwickeln sollen – und das sind nur die Projekte, von denen wir wissen.

Können Sie uns Hersteller nennen, die in der Produktion veganer Autos als Pioniere gelten?

Viele Hersteller haben wohl Angst davor, einen tierleidfreien Weg einzuschlagen. Lieber wird Kunstleder verschwiegen oder sogar als „Leder“ ausgezeichnet, weil die Hersteller glauben, dass alle Kunden Echtleder wollen. Wie beim Schuhverkauf auch. Komplett Kunstleder auf den Sitzen gibt es bei den meisten Herstellern vorwiegend nur in den USA. Dort sind Komplett-Kunstledersitze der Einstiegs-Level, was bei uns Stoffsitze sind. Sobald man jedoch die Ausstattung erhöht, kommt häufig automatisch Tierhaut dazu. Derzeit gibt es drei Möglichkeiten, wenn man ein veganes Auto kaufen möchte: Entweder ein kleines und günstiges Auto mit Stoffsitzen und Kunststofflenkrad oder ein Premium-Auto in der Basis-Version mit Stoffsitzen beziehungsweise bei Mercedes auch verfügbar in der hohen Ausstattung mit Kunstleder. Übrigens kann man bei Mercedes das Lenkrad für jedes Modell in Kunstleder bestellen. Des Weiteren ist Tesla nun der erste Hersteller, der seit Sommer 2017 serienmäßig alle seine Autos nur noch mit Stoff- oder Kunstlederbezügen anbietet und in einer Ausstattung oder auf Nachfrage auch das Lenkrad mit Kunstleder bezieht.

Welche drei veganen Autos können Sie unseren Lesern empfehlen?

Das wären dann einmal die Elektroautos Tesla Model S und X, weil sie konsequent zur Schau stellen, wie weich, hochwertig und luxuriös modernes Kunstleder sein kann – und zwar komplett auf Sitzen, Lenkrad, Innenseiten der Türen und dem Armaturenbrett. Diese Modelle werden nun fast komplett vegan gebaut. Dann können wir nahezu jedes Mercedes-Modell empfehlen, weil dort die Auswahl an nachhaltigen Materialien am größten ist. Am einfachsten in der Kompaktklasse, aber im Grunde genommen hat man eine gute Auswahl insbesondere für A-, B-, C- und E-Klasse. Und „last but not least“: Wer Geld sparen möchte, wählt einfach ein günstiges, kleineres Auto in der Basis-Version. Bei den Konfigurationen dann einfach darauf achten, dass es lederfrei bleibt.

In welche Richtung wird sich der Automobilmarkt in puncto vegan in naher Zukunft entwickeln?

Während ich noch vor Kurzem geglaubt habe, ich sei mit der Forderung nach veganen Sitzen schon extrem fortschrittlich, belehren mich die Rückmeldungen von Kunden das Gegenteil. Ich bekomme jetzt schon Nachrichten, wo es um Lenkräder und Schaltsäcke geht und nicht mehr nur um die Sitze. Und das Bewusstsein für das Unrecht, das mit der Lederproduktion verbunden ist, nimmt exponentiell zu. Nicht nur der ethische Druck auf die Hersteller wächst, sondern auch der finanzielle. Preislisten und Konfiguratoren werden sich insofern wandeln, sodass nachhaltige Sitzmaterialien nicht mehr als billiger Abklatsch verschleiert, sondern als Komfort- und Umwelt-Feature vermarktet werden. Lederfreie Alternativen werden sich auch im Premium-Segment durchsetzen. Der Anteil wird sich zunächst langsam steigern, aber sobald sich das Bewusstsein darüber bei gut einem Fünftel der Autokäufer gewandelt hat, wird sich das Bild ganz plötzlich radikal ändern. Wichtig ist, dass man als Kunde schon heute sein Feedback gibt – bei Herstellern, Händlern und auch in den Medien. Die Zukunft wird von Materialien aus Recycling und Pflanzenstoffen bestimmt.

Vielen Dank, Thomas Majchrzak, für das Gespräch.

Irina Vollmer

Autorin

Irina Vollmer

Master of Science in Public Health Nutrition