Vegan auf Erfolgskurs: Koch und Ernährungsberater Niko Rittenau im Interview

Niko Rittenau

Niko Rittenau ist auf Veggie-Messen nicht mehr wegzudenken. Der vegane Koch, Ernährungsberater und ausgebildete Yogalehrer zieht mit seinen Vorträgen und Kochshows regelmäßig die Besucher an. In unserem Interview erzählt der gebürtige Österreicher von seinen zahlreichen Projekten und schönsten Erfahrungen.

Seit wann lebst du vegan und was war der Auslöser dafür?

Ich lebe seit 2013 vegan, davor ernährte ich mich schon lange Zeit vegetarisch. Erst als ich 2012 von Kärnten nach Wien gezogen bin, habe ich zum ersten Mal Menschen kennengelernt, die sich vegan ernährt und mir erzählt haben, wie die Zustände in der Eier– und Milchproduktion sind. Mein damaliges Weltbild wurde völlig auf den Kopf gestellt und so kam eins zum anderen. 2013 zog ich nach Berlin und absolvierte ein Praktikum beim VEBU. Dort erlebte ich tagtäglich das Leid der Tiere mit, daher war es für mich absolut keine Option mehr, tierische Produkte zu konsumieren. Außerdem habe ich in dieser Zeit so viele nette vegane Menschen kennengelernt und gesehen, wie leicht es fällt, sich rein pflanzlich zu ernähren, sodass der Umstieg für mich keine große Hürde darstellte.

Woher kommt die Begeisterung für das Thema Ernährung? Wann hast du entschlossen, dich beruflich damit zu befassen?

Die Begeisterung für das Thema Ernährung wurde bei mir erstmals im Rahmen meiner fünfjährigen Ausbildung zum Touristikkaufmann geweckt, die ich damals in Österreich absolviert habe. Dort hatten wir neben dem Kochunterricht auch Ernährungslehre und ich fand das Thema auf Anhieb spannend. Als ich dann 2013 beschloss, mich vegan zu ernähren, habe ich aber so viele widersprüchliche Informationen über vegane Ernährung erhalten, dass ich sehr verunsichert war. Denn die eine Seite sagte mir, dass vegane Ernährung die gesündeste Ernährung überhaupt sei, und die andere Seite sagte, dass ich sicherlich bald aufgrund der Mängel dieser Ernährungsform erkranken werde. Da ich wirklich verstehen wollte, wie Ernährung funktioniert, habe ich im November 2013 mit meinem Bachelorstudium der Ernährungsberatung begonnen. Als im Februar 2015 dann über den VEBU die erste Anfrage für eine Kochshow im Rahmen der Biofach in Nürnberg und einen Monat später eine Anfrage für eine weitere Kochshow und einen Ernährungsvortrag im Rahmen einer Veggie-Messe in München kam, habe ich zum ersten Mal die Möglichkeit gesehen, dass daraus auch ein spannender Beruf werden könnte. Seit Beginn meiner selbstständigen Tätigkeit ist der VEBU somit ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Welche Rolle spielt die vegan-vegetarische Lebensweise in der Ausbildung zum Koch oder Ernährungsberater? Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die du aus dieser Zeit mitgenommen hast?

Die vegan-vegetarische Lebensweise spielt in beiden Berufszweigen immer noch eine untergeordnete Rolle. Als ich meine Vorprüfung zur Reife- und Diplomprüfung im Kochen absolvierte, war es leider Pflicht, mit tierischen Produkten zu kochen. Auch im Bachelorstudium der Ernährungsberatung wurde im Prinzip gar nicht über vegane Ernährung gesprochen. Dennoch konnte ich aus beiden Ausbildungen extrem viel für mich mitnehmen. Denn die Grundtechniken des Kochens kann ich nun auch auf die Zubereitung rein pflanzlicher Speisen übertragen und die grundlegende Biochemie und wichtige Grundlagen der Ernährungswissenschaft aus meinem Studium haben es mir ermöglicht, ein tiefgreifendes Verständnis von Ernährung zu erlangen. Von daher waren beide Ausbildungen sehr wichtig für meine heutige Arbeit.

Kannst du dir als Ernährungsberater trotz der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema ein ungezwungenes und genussvolles Verhältnis zum Essen bewahren? Oder kommen beim Essen automatisch Gewissensbisse und Gedanken an Nährstoffgehalt und Gesundheitsfaktoren auf? Was isst du selbst am liebsten?

Das Schöne ist, dass ich umso entspannter wurde, je mehr ich über Ernährung wusste. Denn zum einen habe ich verstanden, dass viele Ernährungsmythen schlichtweg falsch sind, und zum anderen habe ich auch das Wissen erlangt, wie man sich mit wenig Aufwand hervorragend gesund ernähren kann. Von daher würde ich sagen, dass ich noch nie ein gesünderes und entspannteres Verhältnis zur Ernährung hatte als heute. Dadurch, dass ich mich tagtäglich mit den Studien rund um unsere Ernährung befasse, ist mir die Lust auf Junkfood und ungesundes Essen ohnehin vergangen. Heute genieße ich gesundes Essen genauso sehr, wie ich damals meine Burger, Pommes und Softdrinks genossen habe. Ich versuche, meinen alltäglichen Speiseplan so einfach wie möglich zu gestalten und möchte das auch so weitergeben: Man kann sich im Alltag extrem einfach, lecker, gesund, günstig und zeitsparend rein pflanzlich ernähren. Sei es der Haferbrei mit Früchten und Nüssen zum Frühstück, der große Salat mit Bohnen, Rohkost und gekeimtem Brot zu Mittag oder die Gemüsepfanne mit Tofu und Reis am Abend. Ich liebe jedes einzelne Essen, das ich mir zubereite, und versuche, industriell stark verarbeitete Produkte wie Auszugsmehle, Öle und raffinierten Zucker auf ein Minimum zu begrenzen.

Auf Veggie-Messen bist du häufig mit Vorträgen und Kochshows anzutreffen. Was für Reaktionen bekommst du anschließend von den Zuhörern?

Gerade auf Veggie-Messen sind die Reaktionen super. Vegan-vegetarisch lebende Menschen freuen sich, anschließend gute Argumente an der Hand zu haben, um ihre eigene vegane Lebensweise gegenüber anderen gut erklären zu können. Wenn ich Vorträge auf Events wie der Paleo-Convention oder vor der deutschen Bundeswehr halte, wo das Publikum nicht unbedingt veganfreundlich ist, muss ich manchmal etwas mehr Überzeugungsarbeit leisten. Aber am Ende ist meine Kernbotschaft ja sehr undogmatisch und stößt in den allermeisten Fällen auf offene Ohren. Die Leute freuen sich, wissenschaftlich fundiertes Wissen kompakt und unterhaltsam präsentiert zu bekommen.

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Was motiviert dich bei deiner Arbeit und was war bisher das schönste Erlebnis während deiner Seminare?

Ich unterrichte beinahe jeden Monat meine Wochenend-Seminarreihe „Mehr Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden durch pflanzliche Ernährung“ in Berlin und ab September 2017 wird meine Kollegin Anja Sahora mein Seminarkonzept nach München und Wien bringen. Tagtäglich motivieren mich die überwältigenden Berichte von Menschen, die alleine durch den Umstieg auf eine pflanzliche Ernährung verblüffende gesundheitliche Veränderungen erzielen konnten. Außerdem motiviert mich, dass wir mit der Auswahl unserer Lebensmittel einen wesentlichen Beitrag zum Klima-, Tier- und Umweltschutz, zur Artenvielfalt und in gewissem Maße sogar zur Welthungerproblematik leisten können. Mein Ziel ist es, dieses Wissen in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die schönen Erlebnisse bei meinen Seminaren sind zu vielfältig, um alle zu nennen. Die Teilnehmer selbst sind stets großartige Persönlichkeiten und es freut mich, dass Menschen aus der Schweiz, Frankreich, Österreich und ganz Deutschland nach Berlin kommen, um meine Seminare zu besuchen.

Du bist Mitbegründer des „Plant Based Institute“, einem unserer Card-Partner, bei dem VEBU-Mitglieder 100 € Rabatt auf die Ausbildung zum „Plant Based Chef & Nutritionist“ erhalten. Welche Rolle übernimmt jeder einzelne von euch Ausbildern dabei?

Neben meiner eigenen Seminarreihe ist natürlich auch das Plant Based Institute VEBU-Card-Partner. Ich habe das Institut 2016 zusammen mit meinen geschätzten Kollegen und Freunden Sebastian Copien, Stina Spiegelberg und Boris Lauser mit dem Ziel gegründet, eine fundierte Ausbildung anzubieten, die das Wissen um gesunde Ernährung mit dem Wissen um gute Küche verbindet. Denn gesundes Essen muss schmecken und leckeres Essen muss gesund sein. Das Institut baut auf vier Säulen auf und jede von ihnen wird von einem von uns unterrichtet: „Pflanzliche Ernährungslehre“ (Niko), „Gourmet Raw Food“ (Boris), „Neue pflanzliche Küche“ (Sebastian) und „Veganes Backen und Pâtisserie“ (Stina) bilden die Eckpfeiler des Institutes. Nach den ersten sechs Monaten der Basisausbildung gibt es dann ab 2018 weitere Vertiefungsmodule, sodass man sich nach seinen individuellen Schwerpunkten weiterbilden kann.

Was empfiehlst du als Ernährungsberater Menschen, die sich für die pflanzliche Lebensweise interessieren, denen der Umstieg jedoch schwerfällt?

Mein wichtigster Rat ist, nicht zu streng mit sich selbst zu sein. Jeder Schritt in Richtung vollwertige pflanzliche Ernährung ist ein Schritt in die richtige Richtung und über Jahre antrainierte Gewohnheiten zu verändern, braucht manchmal etwas Zeit. Für manche Menschen funktioniert eine strikte Umstellung von einem auf den anderen Tag besser, für andere ist eine schrittweise Umstellung der zielführendere Weg. In beiden Fällen sollten wir Spaß daran haben, all die neuen Lebensmittel und Rezepte auszuprobieren, Gleichgesinnte kennenzulernen und in diese großartige Community einzutauchen, welche die weltweit größte soziale Bewegung unserer Zeit ist. Wir können damit Teil einer globalen Bewegung sein, die sich für mehr Gerechtigkeit, Tier- und Umweltschutz einsetzt und dabei noch etwas für ihre Gesundheit tut.

Du hast vor Kurzem das sogenannte „Plant Based Symposium“ angekündigt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Das Plant Based Symposium ist eine Online-Videoreihe, die nationale und internationale Mediziner, Ernährungswissenschaftler und weitere Fachkräfte aus dem Bereich der pflanzlichen Ernährung zu Wort kommen lässt. Alle Videos dieser Reihe werden ab Herbst 2017 kostenlos zur Verfügung stehen. Mit dabei sind viele meiner großen Vorbilder wie Dr. Neal Barnard, Dr. Michael Greger, Dr. Michael Klaper und viele weitere hochkarätige Wissenschaftler. Mit den Referenten spreche ich über alle Teilbereiche der veganen Ernährung von der Prävention und Therapie ernährungsbedingter Erkrankungen über Ernährungsmythen bis hin zur Nährstoffversorgung. Schon jetzt kann man sich auf meiner Website www.nikorittenau.com dazu informieren.

Vielen Dank, Niko Rittenau, für das Gespräch.

Elena de Figueiredo Oliveira

Autorin

Elena de Figueiredo Oliveira

Ehemalige Redaktionsassistentin