Die ProVeg-Mitgründerin und Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy im Interview

Melanie Joy

Dr. Melanie Joy ist nicht nur eine Ikone der veganen Bewegung weltweit,
sondern auch eine renommierte Beziehungsexpertin. Im Interview erklärt sie, weshalb sie aktuell ihren Fokus auf das Thema Beziehungen richtet und warum das für den Erfolg der pflanzlichen Bewegung strategisch wichtig ist.

Melanie, du hast den Begriff „Karnismus“ geprägt. Könntest du dieses Konzept kurz erläutern?

Karnismus ist eine Reihe bestimmter Vorstellungen, man könnte auch sagen ein Glaubenssystem, aufgrund dessen wir bestimmte Tiere essen – und andere nicht. Kühe und Hühner etwa gelten in unserer Kultur als „essbar“, während wohl kaum ein Europäer ernsthaft auf die Idee käme, Hunde oder Schlangen zu essen. Karnismus ist eine Form des Speziesismus, das heißt eine Form der Diskriminierung aufgrund der Spezieszugehörigkeit.

Karnismus erkennen

Karnismus erkennen

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, das sie vor eine Wahl stellt. Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen.

Wendest du den Begriff „Karnist“ auch auf Menschen an?

Ich finde es problematisch, Menschen als „Karnisten“ zu bezeichnen. Denn dies kann durchaus nachvollziehbar als beleidigend aufgefasst werden. Die meisten Menschen sind unwillentlich Karnisten, daher ist es wenig hilfreich, Menschen so zu bezeichnen, wenn man sie eigentlich ermutigen möchte, über ihre Ernährung nachzudenken. Deshalb benutze ich „karnistisch“ nur als Adjektiv. So kann man etwa bestimmte Praktiken oder Institutionen als karnistisch bezeichnen. Für Menschen, die nicht vegan leben, benutze ich den Begriff „Nicht-Veganer“.

Wie hat sich das Konzept des Karnismus auf die vegane Bewegung ausgewirkt, seit du es eingeführt hast?

Immer mehr Menschen in der Bewegung und auch außerhalb kennen den Begriff inzwischen. Das Konzept hilft veganen Aktivisten dabei, die Psychologie derjenigen besser zu verstehen, die sie erreichen möchten. Zusätzlich verbessert es ihr Engagement und ihre kommunikativen Fähigkeiten. Es ist enorm wichtig, wenn vegetarisch-vegan lebende Menschen verstehen, dass es letztlich diese weit verbreitete Ideologie ist, weswegen Menschen Tiere essen, ohne dass sie sich tatsächlich bewusst dafür entschieden hätten.

Du bist in diesem Jahr für deine Arbeit auf der weltweit größten Tierrechtskonferenz in den USA in die Vegan Hall of Fame gewählt worden – eine Wahl unter Aktivisten.

Das war eine große Ehre, wäre aber ohne mein brillantes Team und unsere zahllosen Unterstützer völlig undenkbar gewesen. Ihnen allen gebührt mein Dank. Diese Auszeichnung ist mir Verpflichtung, meine Arbeit immer weiter zu verbessern, um gerade auch Aktivisten bestmöglich zu unterstützen.

Zusammen mit Tobias Leenaert bist du auch Mitgeschäftsführerin des Center for Effective Vegan Advocacy (CEVA). Was genau verbirgt sich dahinter?

Tobias Leenaert, mein Mann Sebastian Joy und ich haben CEVA gemeinsam gegründet weil wir gerade diejenigen Menschen, die auf beispiellose Weise an einer besseren Welt für Tiere arbeiten, dabei unterstützen wollen, ihr wertvolles Engagement noch effektiver und nachhaltiger zu gestalten. Wenn wir die Aktivisten in der Bewegung stärken, stärken wir dadurch die Bewegung insgesamt. CEVA soll die Schlagkraft des veganen Aktivismus weltweit erhöhen. Wir glauben, dass wir so am effektivsten zur Schaffung einer globalen veganen Bewegung beitragen können.

Du arbeitest auch als Beziehungscoach und hast gerade dein neues Buch „Beyond Beliefs“ zum Thema Beziehungen veröffentlicht. Wie hängt das mit deiner Arbeit zu Karnismus zusammen?

Ein Schlüsselfaktor, der der veganen Bewegung enorm viel Energie entzieht, sind Probleme, die entstehen, wenn Menschen vegan oder vegetarisch werden, die Menschen um sie herum jedoch nicht. Das kann die Beziehungen und die Kommunikation belasten. Manchmal haben Veganer und Vegetarier aber auch Mühe, mit anderen Veganern und Vegetariern umzugehen oder zu kommunizieren.

Aufgrund meiner langjährigen Berufserfahrung im Bereich Beziehungen und Kommunikation wollte ich pflanzlich lebenden Menschen Hilfsmittel an die Hand geben, um sich selbst und die Menschen um sie herum besser verstehen zu können, damit sie besser miteinander umgehen und kommunizieren können. Die Forschung hat gezeigt, dass Menschen, die erfüllende, starke Beziehungen haben, davon in allen Aspekten ihres Lebens profitieren. Und letztlich erreichen sie auch mehr von dem, was sie erreichen wollen. Ich glaube, dass ich durch die Unterstützung von Veganern in diesem Schlüsselbereich die Bewegung zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich am besten unterstützen kann.

Warum hast du ProVeg International mitgegründet? Und wie passt Karnismus-Aufklärung zur allgemeinen Ausrichtung der Organisation?

Ich habe ProVeg International mitgegründet, weil ich bei meinem Umzug von den USA nach Deutschland von der Arbeit des VEBU (jetzt ProVeg) tief beeindruckt war. Ich hatte sofort das Gefühl, dass man das auf die nächste Ebene, die globale Ebene, bringen müsste. Deshalb habe ich Sebastian Joy dabei unterstützt, genau das zu tun: den VEBU zu internationalisieren. Das Potenzial von ProVeg, global wirklich etwas verändern zu können, ist so groß, dass ich mein Möglichstes tun wollte, um dazu einen Beitrag zu leisten.

Und natürlich passt ProVeg sehr gut zu meiner Aufklärungsarbeit über Karnismus und meinem Engagement bei CEVA: nämlich Bewusstseinsbildung und Unterstützung dabei, bessere Entscheidungen für sich selbst, die Tiere und den Planeten zu treffen. Psychologisch fundiertes Vorgehen, Aufklärungsarbeit leisten und dann auch noch eine internationale Organisation mit der brillanten Mission, den Tierkonsum bis 2040 um 50 % zu reduzieren, – damit sind drei Grundbereiche abgedeckt, die meines Erachtens unabdingbar sind, wenn man eine bedeutende globale Veränderung erreichen will.

Jens Tuider

Autor

Jens Tuider

Assistent der Geschäftsführung