Prof. Dr. Mark Post im Interview: Fleisch ohne Tierleid?

Fleisch ohne Tierleid? Der Forscher Prof. Dr. Mark Post im Interview David Parry/PA Wire 8

Mark Post ist Forscher an der Universität Maastricht und Mitbegründer des niederländischen Unternehmens Mosa Meat, das im August 2013 den weltweit ersten im Labor gezüchteten Burger auf einer Pressekonferenz in London präsentierte. Schon seit 2006 arbeitet der niederländische Wissenschaftler daran, kultiviertes Fleisch zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. ProVeg beobachtet diese Entwicklung aufmerksam und steht in engem Austausch mit Mark Post.

Haben Sie selbst schon einmal kultiviertes Fleisch gegessen?

Mich mit eingeschlossen, haben bislang 16 Personen kultiviertes Fleisch probiert. Es schmeckt genauso wie konventionelles Fleisch, allerdings hatte die frühere Version keinen Fettanteil und war somit etwas trocken. Mittlerweile produzieren wir auch Fettgewebe, das wir genauso wie Muskelzellen aus Stammzellen kultivieren können. Dieser Prozess dauert jedoch einige Wochen länger, als Muskelzellen zu kultivieren.

Hätten Sie’s gewusst?

Hätten Sie’s gewusst?

Was ist kultiviertes Fleisch?

Kultiviertes Fleisch, auch In-vitro-Fleisch, Clean Meat oder umgangssprachlich Laborfleisch genannt, entsteht durch die nahezu schmerzfreie Gewinnung von Muskelstammzellen eines lebenden Tieres mittels einer Biopsie. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kultivieren diese Stammzellen mithilfe eines Nährbodens, sodass sich die Zellen vermehren, um Muskelgewebe zu bilden. Muskelgewebe ist der Hauptbestandteil von Fleisch. Biologisch gesehen ist kultiviertes Fleisch also genau das Gleiche wie das Fleischgewebe eines Tieres.

Welche Rolle spielen Tiere bei der Produktion von kultiviertem Fleisch?

Mit dem derzeitigen Herstellungsverfahren benötigen wir immer noch eine Nadelbiopsie von lebenden Kühen, da sich die Stammzellen nicht unbegrenzt vermehren lassen. Wir arbeiten daran, den Bedarf an Biopsien zu reduzieren, und haben dabei auch schon Fortschritte gemacht. Allerdings sind wir noch nicht am Ziel angelangt. Andere Firmen werden möglicherweise beginnen, andere Stammzellen zu nutzen, allerdings sind diese normalerweise genmanipuliert. Das kommt für uns nicht infrage.

Wie kann die Produktion von kultiviertem Fleisch den Tieren und unserer Umwelt helfen?

Fleisch ist aus Ressourcen- und Umweltsicht ein sehr kostspieliges Produkt. Weltweit werden 70 % des Ackerlandes für die Aufzucht sogenannter Nutztiere gebraucht. Für ein Kilogramm Rindfleisch werden 15.000 Liter Frischwasser benötigt. Außerdem wird geschätzt, dass die Fleischproduktion für 15–20 % der gesamten Treibhausgase verantwortlich ist. Indem wir 1.000 Kilogramm Fleisch aus einer Biopsie herstellen, brauchen wir viel weniger Kühe für die Fleischproduktion. Weniger Kühe bedeuten ebenfalls weniger Treibhausgase und weniger Tierleid. Wir sind der Meinung, dass die Anzahl an Kühen von 1,5 Milliarden weltweit auf 30.000 reduziert werden kann (und das hauptsächlich, um die Herde genetisch gesund zu halten). Es ist allgemein anerkannt, dass kultiviertes Fleisch zu einer erheblichen Einsparung von bis zu 90 % des Land- und Wasserverbrauchs führen wird.

Wann werden die Verbraucherinnen und Verbraucher kultiviertes Fleisch im Supermarkt kaufen oder im Restaurant bestellen können – und wie viel wird es kosten?

Kultiviertes Fleisch wird voraussichtlich in 3–4 Jahren auf der Speisekarte ausgewählter Restaurants stehen. Die Produkteinführung in den Supermärkten ist hingegen schwieriger vorherzusagen. Das hängt von der Preisentwicklung ab. Es könnte ebenfalls innerhalb der nächsten 3–4 Jahre im Lebensmitteleinzelhandel angeboten werden oder noch einige Jahre dauern. Wir gehen davon aus, dass kultiviertes Fleisch anfangs vergleichsweise kostspielig ist, die Preise aber innerhalb der ersten 2–3 Jahre nach Einführung fallen werden, sodass es auf dem Markt mithalten kann. Mit den bereits absehbaren Verbesserungen der Technologie wird der Preis weiter sinken, bis hin zu wettbewerbsfähigen Preisen im Vergleich zu konventionellem Fleisch. Schlussendlich könnte es sogar günstiger werden, da weniger Ressourcen für die Herstellung von kultiviertem Fleisch benötigt werden als für die konventionelle Produktion.

Wer ist die Zielgruppe von kultiviertem Fleisch?

Prinzipiell sind alle Konsumierenden Teil der Zielgruppe von kultiviertem Fleisch, doch in erster Linie ist es für Menschen gedacht, die Fleisch essen. Für den vegetarisch-veganen Markt ist kultiviertes Fleisch nicht vorgesehen. Es ist nicht unsere Intention, Menschen, die sich vegetarisch beziehungsweise vegan ernähren, dazu zu bringen, kultiviertes Fleisch zu essen. Das wäre exakt das Gegenteil von dem, was wir zu erreichen versuchen: Die zahlreichen negativen Aspekte der konventionellen Fleischproduktion abzuschaffen.

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Wie schätzen Sie die Akzeptanz von kultiviertem Fleisch bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ein?

Ich denke nicht, dass die Akzeptanz der Verbraucherinnen und Verbraucher ein Problem sein wird. Sie wird zwar eine Hürde sein, aber Umfragen, die in verschiedenen europäischen Ländern und in den USA durchgeführt wurden, zeigen, dass die Menschen aufgeschlossen für kultiviertes Fleisch sind. Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Vorteile unseres Produkts, das eine hohe Qualität mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis kombinieren wird, für die Verbraucherinnen und Verbraucher attraktiv sein wird.

Ist die Zukunft von Fleisch kultiviertes Fleisch?

Ja, ich denke, dass kultiviertes Fleisch die Zukunft sein wird. Wir haben, vereinfacht gesagt, nicht genügend Ressourcen, um bald 10 Milliarden Menschen zu ernähren – wenn davon ausgegangen wird, dass in naher Zukunft vermutlich nicht die überwiegende Mehrheit der Menschen vegan leben wird.

Neben Fleisch sollen künftig auch Milchprodukte im Reagenzglas entwickelt werden. Was hat es damit auf sich?

Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die momentan versuchen, Milch aus pflanzlichen Äquivalenten zu produzieren oder mithilfe von Bakterien und Hefen Milchproteine wie Lactoglobulin und Kasein herzustellen. Das so hergestellte Kasein wirkt auf dieselbe Weise wie das Kasein, das Hauptbestandteil von Joghurt, Butter oder Käse ist. Dieser Prozess ist einfacher, als Fleisch herzustellen. Allerdings ist es vermutlich eine größere Herausforderung, dies kosteneffizient zu tun, da Milch immer noch sehr billig ist. Ich habe so einen Joghurt bereits probiert und kann sagen, dass er schon jetzt sehr gut schmeckt.

Eileen Valy