Ernährungsmediziner Prof. Dr. Wechsler empfiehlt fleischlose Ernährung

Rund 900.000 Menschen in Deutschland leben vegan und es werden immer mehr. Wie sich eine rein pflanzliche Ernährung auf die Gesundheit auswirkt, erklärt Prof. Dr. Johannes Georg Wechsler, ehemals Chefarzt der Inneren Abteilung des Krankenhauses Barmherzige Brüder München, im Interview.

Grundsätzlich kann man ohne Einschränkung zu einer vegetarisch-veganen Ernährung raten, weil diese zu besserer Gesundheit und längerer Lebenserwartung führt.

Prof. Dr. Wechsler ist Ärztlicher Leiter des Zentrums für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP) und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Ernährungsmediziner e. V. (BDEM). Neben seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Technischen Hochschule München, seinem journalistischen und publizistischen Engagement, ist er in die Arbeit zahlreicher Gremien eingebunden und leitet eine Privatpraxis mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hepatologie, Ultraschalldiagnostik und Ernährungsmedizin.

Herr Prof. Dr. Wechsler, wie stehen Sie unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten zu einer veganen Ernährung? Kann das Meiden von tierischen Produkten auch zu einer Verbesserung der Gesundheit beitragen?

Das Meiden von tierischen Produkten kann durchaus zu einer Verbesserung der Gesundheit beitragen. Dadurch kann die Fettzufuhr sowie die Aufnahme von tierischem Eiweiß verringert werden, auch die Salzzufuhr ist in der Regel bei veganer Ernährung niedriger. Dies hat günstige Auswirkungen auf die Entstehung von atherosklerotischen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Bluthochdruck.

Sind Sie der Ansicht, eine vegane Ernährungsform sei für alle Bevölkerungsgruppen, also auch für Schwangere, Stillende, Kinder, Jugendliche, Ältere und Sportler, geeignet?

Eine vegane Ernährungsform ist für alle genannten Bevölkerungsgruppen geeignet. Zu achten ist auf eine ausreichende Eiweiß-, Vitamin-, Mineralstoff- und Spurenelementzufuhr. Die Eiweißzufuhr (ca. 10-15 % der Gesamtenergiezufuhr) ist bei pflanzlichem Ursprung bei entsprechender Zusammensetzung tierischem Eiweiß biologisch gleichwertig.

Eine besorgte Mutter kommt zu Ihnen in die Praxis. Ihre 16-jährige Tochter hat alle tierischen Produkte von ihrem Speiseplan gestrichen. Was raten Sie ihr?

Wenn die 16-jährige Tochter tierische Produkte nicht mehr verzehren möchte, ist dies am ehesten unter Aspekten des Tier- und Umweltschutzes zu sehen. Nachteile entstehen dabei nicht. Allerdings sollten beispielsweise regelmäßig die Eisenwerte überprüft und bei einer Unterversorgung Eisen substituiert werden.

Halten Sie eine vegane Lebensweise für zeitgemäß und zukunftsweisend?

Eine vegane Lebensweise und Ernährung ist außerordentlich zukunftsweisend, weil die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung mit tierischem Eiweiß nicht mehr gewährleistet werden kann. Der Aufwand für die Produktion von tierischem Eiweiß ist viermal höher als für biologisch gleichwertiges pflanzliches Eiweiß. Die Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung führt zwangsläufig zu einem höheren Anteil an pflanzlicher Produktion und damit zu einer vegetarisch-veganen Lebensweise. Auch unter dem Aspekt des Tierschutzes ist dies zu begrüßen. Außerdem sind die Einflüsse auf das Klima durch die Entstehung von CO2 in der Massentierhaltung ein weiterer Grund für eine vegetarisch-vegane Ernährungsweise.

Glauben Sie an die Möglichkeit eines umfassenden Umdenkens in Sachen gesunder und fleischloser Ernährung in der Gesellschaft?

Eine fleischlose Ernährung in der Gesellschaft ist flächendeckend zwar möglich, allerdings eher unrealistisch – aber ein Rückgang des Fleischverzehrs erscheint unverzichtbar. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Entwicklung zunehmend erkannt und auch umgesetzt werden wird.

Spielt die Reduktion des Fleischanteils in den von Ihnen empfohlenen Therapiekonzepten eine Rolle?

Eine Reduktion des Fleischanteils ist sowohl unter Therapieaspekten als auch als Prävention sinnvoll. Insbesondere rotes Fleisch korreliert in hohem Maße mit der Entstehung von Krebserkrankungen des Dickdarms. Durch vegetarische Ernährung lässt sich laut EPIC-Studie die Entstehung von Krebserkrankungen um bis zu 60 % verringern.

Inwieweit schlagen sich positive Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit der Untersuchung vegetarisch-veganer Lebensweisen hinsichtlich ihrer ernährungsphysiologischen Vorteile in der Patientenversorgung im Klinikalltag nieder?

Eine moderne Klinikernährung berücksichtigt diese Aspekte. So werden pro Woche nur noch zweimal Fleischprodukte, zweimal Fisch und dreimal vegetarische Kost als Mittagsmahlzeit angeboten. Jede zeitgemäße Krankenhausernährung sollte heute eine vegetarisch-vegane Kostform je nach Wunsch des Patienten anbieten.

Wenn Sie jemand um eine Empfehlung für eine Lebensgestaltung bitten würde, die in Bezug auf Gesundheit, Ökologie und Tierwohl nachhaltig ist, was würden Sie dieser Person raten?

Da man nicht allen Menschen den Verzehr von Fleisch- und Wurstwaren bzw. anderer tierischer Produkte wie Eier, Milch und Käse verbieten kann, sollte man in einer ernährungsmedizinischen Empfehlung folgendes anraten: möglichst wenig Fleisch und fette Wurstprodukte, wenn Käse, Joghurt und Milch, dann als fettarme Produkte und Eier wegen des hohen Cholesteringehalts begrenzt zu sich zu nehmen. Grundsätzlich kann man ohne Einschränkung zu einer vegetarisch-veganen Ernährung raten, weil diese zu besserer Gesundheit und längerer Lebenserwartung führt.

Wie stehen Sie persönlich zu einer Ernährung, die tierische Produkte gänzlich meidet?

Persönlich bin ich der Meinung, dass eine Ernährung, die tierische Produkte gänzlich meidet, durchaus gesundheitsfördernd, zeitgemäß und zukunftsweisend ist.