Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Claus Leitzmann im Interview

Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Claus Leitzmann im Interview Bildquelle: Prof. Dr. Claus Leitzmann

Wie der Vollwert-Experte Prof. Dr. Claus Leitzmann zu einer vegetarischen Ernährung kam und welche Erfahrungen der Ernährungswissenschaftler dabei machte, verrät er im Gespräch.

Was hat Sie dazu bewegt, Vegetarier zu werden?

Die Vorteile des Vegetarismus waren mir durch meine langjährigen Aufenthalte in Asien bekannt, aber die Entscheidung, Vegetarier zu werden, kam durch einen Anstoß unserer jüngsten Tochter. Sie wollte kein Fleisch mehr essen, da sie in der Schule gelernt hatte, dass ein Zusammenhang zwischen unserer westlichen Ernährungsweise und dem Hunger in der Welt besteht. Damals entschloss sich die ganze Familie (sechs Personen) spontan zur vegetarischen Ernährung – das war 1979.

Gibt oder gab es Vorbilder, die Sie in Ihrer Entscheidung bestärkten?

Vorbilder waren die Menschen in Asien, die als Buddhisten oder Hindi über viele Generationen vegetarisch leben und sich bei ausreichender Nahrungsverfügbarkeit bester Gesundheit erfreuen. Zitate zum Vegetarismus von Leonardo da Vinci, Leo Tolstoi, Wilhelm Busch und Albert Einstein wirkten als eine wichtige Motivation, zum Beispiel „Tiere sind meine Freunde und meine Freunde esse ich nicht“ von George Bernard Shaw.

Wurden Sie in der Zeit einmal schwach oder kamen Sie in die Verlegenheit, Fleisch zu essen?

Es ist mir nicht schwergefallen, vegetarisch zu leben, aber in den ersten Jahren gab es Gelegenheiten, besonders bei Einladungen, wo ich auch etwas Fleisch oder Fisch gegessen habe – vielleicht auch, um nicht als Dogmatiker zu gelten. Damals war man als Vegetarier noch krasser Außenseiter, heute hat sich die Akzeptanz deutlich verbessert.

Sie gehören einer Generation an, die teilweise hungern musste oder für die es noch etwas Besonderes war, wenn es einmal einen Braten gab. Wie reagieren insbesondere ältere Mitmenschen auf Ihre Ernährungsweise?

Menschen in meinem Alter haben nicht immer Verständnis dafür – bis auf Ausnahmen, die auch bereit sind, darüber nachzudenken. Mein Vater beispielsweise fand unsere Entscheidung etwas befremdlich, aber er war es von mir gewohnt, dass ich ungewöhnliche Entscheidungen treffe. Es sind überwiegend jüngere Menschen, die heute vegan oder vegetarisch leben.

Fühlten Sie sich jemals durch Ihre Ernährungsweise eingeschränkt?

Eine Einschränkung oder gar Benachteiligung durch die vegetarische Kost habe ich nie empfunden. Im Gegenteil, es war eine Befreiung von der doch schlimmen Vorstellung, dass die schreckliche Massentierhaltung die Nachfrage nach Fleisch befriedigt. Auch das Gefühl, sich ethisch vertretbar und ökologisch sinnvoll zu verhalten, war eher eine Bestätigung für diese Ernährungsweise. Beim Einkauf kann man sich selber für die gewünschten Lebensmittel entscheiden und bei Festlichkeiten ist es heute kein Problem mehr, sich zum Vegetarismus zu bekennen.

Was ist Ihr Lieblingsgericht? Wer kocht bei Ihnen?

Zu meinen Lieblingsspeisen zählen Gerichte mit Hülsenfrüchten, Sauerkraut mit Buchweizen sowie Grünkohl mit Pellkartoffeln. Kochen habe ich bereits als Kind gelernt, da meine Mutter fast blind war. Meine Frau ist allerdings eine so hervorragende Köchin, dass ich heute selten zum Kochen komme.

Ist vegetarische bzw. vegane Ernährung gleich gesunde Ernährung?

Die erste Aussage stimmt uneingeschränkt für die lakto-ovo-vegetarische Variante, solange die Kost vollwertig beschaffen ist. Bei veganer Ernährung ist der Einsatz von angereicherten Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln bezüglich Vitamin B12 zu bedenken.

Sollte eine gesunde Ernährung über einer ethisch vertretbaren Ernährung stehen?

„Gesund“ und „ethisch“ schließen sich nicht aus. Den Anspruch zum ethischen Verhalten erfüllt aber nur die vegane Kost, die, wie bereits erwähnt, bei vollwertiger Zusammenstellung auch gesund ist.

Inwieweit besteht die Möglichkeit, durch eine vegetarisch-vegane Ernährung Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer vorzubeugen?

Das Risiko, an Krebs zu erkranken, kann durch eine vegetarisch-vegane Ernährung teilweise deutlich gesenkt werden, besonders für die Verdauungsorgane. Für die Alzheimerkrankheit beispielsweise ist ein geringeres Risiko durch vegetarisch-vegane Ernährung wahrscheinlich, aber die Datenlage ist unvollständig.

Was sagt Ihr Hausarzt zu Ihrer Ernährungsweise?

Mein Hausarzt sieht mich äußerst selten. Bei Routineuntersuchungen staunt er über meine guten Blutwerte. Mangelerscheinungen sind nie aufgetreten – im Gegenteil, die Blutwerte liegen alle im oberen grünen Bereich.

Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln? Woher beziehen Sie Eisen, Vitamin D, Eiweiß & Co?

Nahrungsergänzungsmittel sind für gesunde Menschen, die sich vollwertig ernähren, nicht nur überflüssig, sondern können sogar schädlich sein – das gilt auch für Vegetarier. Vegetarisch-vegan lebende Menschen nehmen ausreichend Eisen auf, die Aufnahme aus der Nahrung kann durch den gleichzeitigen Verzehr Vitamin-C-haltiger Lebensmittel deutlich erhöht werden. Vitamin D ist beispielsweise in Pilzen enthalten. Durch Sonnenbestrahlung der Haut kann der Körper selber Vitamin D herstellen, auch auf Vorrat für die sonnenarme Jahreszeit. Eiweiß kann durch den Verzehr von Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Tofu gedeckt werden. Gerade vegan lebende Menschen sollten allerdings für eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B12 über Nahrungsergänzungsmitteln sorgen.

Wie halten Sie sich körperlich fit und gesund?

Jeder Tag beginnt mit einer halben Stunde Yoga und anderen Dehnübungen sowie je einigen Minuten Trampolin und Ergometer. Nachmittags stehen regelmäßig Gartenarbeit, Botendienste mit dem Fahrrad, schnelles Wandern und teilweise Nordic Walking auf dem Programm.

Wie sieht Ihrer Meinung nach eine vegetarisch-vegane Versorgung in Seniorenheimen aus?

Repräsentative Angaben darüber liegen meines Wissens nicht vor, aber das Angebot scheint sehr unterschiedlich zu sein – es geht von kaum vorhanden bis zum ausschließlichen Angebot. Offensichtlich gibt es noch viel Raum für Verbesserungen.

Beschreiben Sie eines Ihrer aktuellen Projekte.

Ich begleitete das Projekt zum regelmäßigen Einsatz von Zahnpasta, die mit Vitamin B12 angereichert ist. Diese einfache Maßnahme verspricht eine elegante Lösung des Problems der Vitamin-B12-Unterversorgung, besonders für Veganer, die sonst auf angereicherte Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel angewiesen sind. Des Weiteren berate ich laufend Journalisten und Verbraucher über die Vorteile einer vegetarisch-veganen Ernährung.

Prof. Dr. Claus Leitzmann

Prof. Dr. rer. nat. Claus Leitzmann, geboren 1933, studierte in den USA Chemie, Mikrobiologie und Biochemie. Nach seiner Promotion forschte und lehrte er Anfang der 70er-Jahre in Thailand, bis er seine Professur für Ernährung in Entwicklungsländern an der Universität Gießen übernahm.
Der Ernährungswissenschaftler ist Autor zahlreicher Bücher wie „Vegetarische Ernährung“, das Standardwerk für vegetarisch-vegan lebende Menschen.