Harnsteine: pflanzliche Kost unterbindet Bildung von Kristallen

Harnsteine: pflanzliche Kost unterbindet Bildung von Kristallen Bildquelle: Image Point Fr / shutterstock.com

Etwa 10 % der Menschen in Deutschland leiden einmal im Leben an Schmerzen durch Harnsteine. Eine vegetarisch-vegane Ernährung kann das Risiko, an Nierensteinen, Harnleitersteinen oder Blasensteinen zu erkranken, deutlich senken.

Harnsteinleiden sind wohl so alt wie die Menschheit. Aus Krankheitsberichten ist bekannt, dass Menschen bereits in der Antike und später berühmte Persönlichkeiten wie Michelangelo, Luther und Goethe an Harnsteinen litten.

Bezeichnung von Harnsteinen

Harnsteine werden sowohl nach ihrer Zusammensetzung als auch nach ihrer Lokalisation bezeichnet. Sie bestehen meist aus Kalziumoxalat (bis zu 75 %) oder Harnsäure (etwa 10 %) und in geringen Mengen aus Phosphat, Protein oder Cystin (letztere sind genetisch bedingt).

Abhängig von der Lokalisation der Harnsteine werden sie als Nierensteine, Harnleitersteine oder Blasensteine bezeichnet. Sehr selten bilden sich Medikamentensteine durch die langfristige Einnahme von Silikaten oder Sulfonamiden.

Häufigkeit von Harnsteinen

Harnsteine sind ein weit verbreitetes Leiden (Urolithiasis). Die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) liegt in Wohlstandsländern bei etwa 5 % und die Rate der Neuerkrankungen (Inzidenz) bei etwa 1 %. Etwa 10 % der Menschen in Deutschland leiden einmal im Laufe ihres Lebens an Schmerzen durch Harnsteine.

Erstmals betroffen sind Menschen meist ab einem Alter zwischen 25 und 50 Jahren, Männer erkranken häufiger als Frauen. Inzwischen sind auch Kinder, besonders bei vorliegendem Übergewicht, betroffen.

Ursachen von Harnsteinen

Harnsteine entstehen, wenn Mineralsalze im Urin ausgefällt werden, die normalerweise gelöst sind. Die entstehenden Kristalle werden als Blasengrieß bezeichnet, die entweder ausgeschieden oder mit der Zeit immer größer werden.

Eher seltene Gründe für Harnsteine sind Nierenentzündungen, Harnwegsinfekte, Blasenentleerungsprobleme, eine zu enge Harnröhre, Erkrankungen des Dünndarms oder bestimmte Stoffwechselstörungen wie Gicht, Diabetes und Morbus Crohn. Auch hohe Umgebungstemperaturen, Stress und andere psychische Belastungen erhöhen das Harnsteinrisiko.

Die weitaus wichtigsten Ursachen für das Auftreten von Harnsteinen sind neben einer genetischen Veranlagung jedoch eine ungesunde Lebensweise wie mangelnde körperliche Bewegung und besonders eine inadäquate Ernährung. Wichtigste Risikofaktoren in der Ernährung sind fett-, eiweiß- und salzreiche Nahrungsmittel, eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr sowie Übergewicht.

Klinischer Verlauf von Harnsteinen

Harnsteine können über Jahre ohne Schmerzen und ohne gesundheitliche Beschwerden in den ableitenden Harnwegen lagern. Erst wenn sich die Harnsteine im Nierenbecken oder im Harnleiter verklemmen, treten starke Schmerzen auf. Diese dabei auftretenden Koliken entstehen durch krampfhafte Muskelkontraktionen des Körpers, der versucht, diese Blockade zu beseitigen. Kalziumhaltige Harnsteine sind ab 2 Millimeter Größe im Röntgenbild sichtbar, harnsäurehaltige Harnsteine sind mittels Ultraschall zu erkennen.

Prävention von Harnsteinen

Die effektivsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Harnsteinen sind die Vermeidung von Übergewicht, eine vegetarisch-vegane Ernährung, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr mit möglichst wenig Alkohol sowie körperliche Aktivität.

Abhängig von der Art der Harnsteine sollten bei entsprechender Disposition bestimmte Lebensmittel selten und nur in kleinen Mengen verzehrt oder auch ganz gemieden werden. Der richtige Umgang mit den betreffenden Lebensmitteln ergibt sich aus der jeweiligen Konzentration der entsprechenden Inhalts- und Nährstoffe sowie aus der Verzehrsmenge und -häufigkeit.

Folgende Inhalts- und Nährstoffe fördern die Harnsteinbildung

Purine

Purine sind Bestandteile der Desoxyribonukleinsäure (DNS) und der Ribonukleinsäure (RNS), die in (fast) allen Zellkernen enthalten sind und mit den Lebensmitteln aufgenommen werden. Höhere Konzentrationen an Purinen finden sich vor allem in tierischen Produkten wie Fleisch, Wurst und Innereien. Purine werden zu Harnsäure abgebaut, die das Risiko der Bildung von Harnsteinen fördert. Deshalb wird die Purinmenge in Lebensmitteln üblicherweise als Harnsäuregehalt angegeben (Tabelle 1).

Tabelle 1: Harnsäuregehalt ausgewählter Lebensmittel (nach Elmadfa et al. 2011)

LebensmittelHarnsäure (mg/100 g)
Kalbsbries900
Bäckerhefe450
Leber260-360
Fleisch140-360
Fisch110-320
Hülsenfrüchte80-220
Getreide35-100
Kakao80
Grünkohl30

Oxalsäure

Oxalsäure ist ein natürlicher Bestandteil vieler pflanzlicher Lebensmittel (Tabelle 2). Der Verzehr oxalsäurehaltiger Lebensmittel kann zu einem beachtlichen Anstieg der Oxalsäurekonzentration im Harn und damit zu Kalziumoxalatsteinen führen.

Tabelle 2: Oxalsäuregehalt ausgewählter Lebensmittel (nach Elmadfa et al. 2011)

LebensmittelOxalsäuregehalt (mg/100 g)
Tee, schwarz910
Rhabarber460
Spinat442
Kakaopulver396
Rote Bete181
Vollkornbrot21
Beeren15
Grünkohl8
Tomaten5

Kalzium

Kalzium kann die Oxalatabsorption erheblich reduzieren, sodass eine adäquate Kalziumzufuhr (offizielle Empfehlung für Erwachsene: 1.000 mg/Tag) die Harnsteinbildung vermindern kann (Tabelle 3). Andererseits stellt eine überhöhte Kalziumzufuhr bei 30 % der Kalziumoxalatstein-Träger ein Risiko für diese Harnsteinart dar.

Tabelle 3: Kalziumgehalt ausgewählter Lebensmittel (nach Elmadfa et al. 2011)

LebensmittelKalziumgehalt (mg/100 g)
Käse380-1020
Feigen190
Grünkohl160
Milch120
Joghurt120
Eigelb140
Brokkoli80
Karotten41

Exkurs: Osteoporose

Menschen, die keine Milchprodukte verzehren, nehmen teilweise nur etwa die Hälfte der empfohlenen Kalziummengen auf. Dass viele dieser Menschen trotzdem kein höheres Osteoporoserisiko haben, liegt an dem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Ernährungs- und Lebensstilfaktoren auf den Kalziumstoffwechsel. Neben Geschlecht, Alter und körperlicher Aktivität spielen Medikamente, Rauchen, Koffein und Alkohol eine Rolle sowie die Zufuhrmengen von Protein, Vitamin D, Salz, Phosphat, Fluor, Phytinsäure, Oxalsäure und Ballaststoffen. Überraschenderweise findet sich die Osteoporose am häufigsten in Ländern mit dem höchsten Konsum an Milchprodukten, d. h. bei einer hohen Kalziumzufuhr.

Natrium

Natrium ist Bestandteil von Kochsalz (NaCl), das in geringen Mengen in unseren Lebensmitteln enthalten ist, die ausreichen, um den Bedarf des Menschen zu decken. Durch die Salzkonservierung von Lebensmitteln und aus geschmacklichen Gründen erfolgt eine weit über den Bedarf liegende Aufnahme von Kochsalz, die sich durch den Einsatz bei der Verarbeitung und Zubereitung von Lebensmitteln noch weiter erhöht. Die größten Mengen an Natrium werden bei uns über Brot und Käse sowie Fleisch und Wurstwaren aufgenommen (Tabelle 4). Natrium fördert die Ausscheidung von Kalzium, sodass ein Risiko der Kalziumsteinbildung gegeben ist.

Tabelle 4: Durchschnittliche Salzgehalte ausgewählter Nahrungsmittel (nach Elmadfa et al. 2011 und Deklarationen)

NahrungsproduktSalzgehalt (g/100 g)
Matjesheringe6,4
Salzgebäck4,9
Nüsse, gesalzen3,8
Schinken, roh3,6
Salami3,2
Weichkäse2,9
Schmelzkäse2,8
Kasseler2,5
Streichwurst2,5
Brot1,5
Cornflakes1,0
Brötchen0,5
Äpfel0,02

Protein

Protein aus tierischen Produkten führt zu einer erhöhten Kalziumausscheidung und zu einem sauren Harn (pH-Senkung). Das Risiko für eine Harnsteinbildung steigt mit zunehmender Zufuhr von Protein.

Kohlenhydrate

Kohlenhydrate in Form von großen Mengen an Glukose (Einfachzucker) führen bei Gesunden und besonders bei Kalziumoxalatstein-Patienten zu einer erhöhten Kalziumausscheidung im Harn. Eine Kost reich an Fruktose (Fruchtzucker kommt vor allem in industriell gefertigten Nahrungsmitteln vor, da diese beispielsweise mit Fructose angereicherten Sirup aus Maisstärke enthalten) erwies sich bei Frauen und Männern als Risikofaktor für die Harnsteinbildung, weil vermutlich der Harnsäurestoffwechsel so beeinflusst wird, dass ein höheres Risiko einer Steinbildung besteht.

Flüssigkeit

Flüssigkeit bestimmt – abhängig von der Menge, die zugeführt wird – die Konzentration der Mineralstoffe im Urin und somit die Kristallbildung. Deshalb kann eine ausreichende Trinkmenge die Steinbildung vermindern. Da ein saurer Urin als Risikofaktor gilt, wirken Getränke protektiv, die den Harn alkalisieren (basisch machen), zum Beispiel Hydrogencarbonat-reiche Mineralwässer und (verdünnte) Zitrussäfte. Als Harn neutralisierende Getränke gelten Kräuter- und Früchtetees sowie mineralstoffarme Mineralwässer. Zu meiden sind koffeinhaltiger Kaffee und schwarzer Tee, Cola-Getränke und Limonaden sowie alkoholische Getränke aller Art.

Magnesium

Magnesium kann – ähnlich wie Kalzium (siehe oben) – Oxalsäure binden. Der Komplex Magnesiumoxalat hat jedoch eine höhere Wasserlöslichkeit als Kalziumoxalat und reduziert somit die Bildung von Kalziumoxalatsteinen, die das eigentliche Problem bei der Harnsteinbildung darstellen. Magnesium hat daher eher einen schützenden Effekt. Reich an Magnesium sind besonders pflanzliche Lebensmittel (Tabelle 5).

Tabelle 5: Magnesiumgehalt ausgewählter Lebensmittel (nach Elmadfa et al. 2011)

LebensmittelMagnesiumgehalt (mg/100 g)
Portulak150
Hülsenfrüchte80-120
Getreide70-140
Gemüse15-60
Obst15-40

Therapie von Harnsteinen

Harnsteine können spontan, mit oder ohne Schmerzen, über den Urin abgehen. Bei Koliken sorgen schmerzlindernde und krampflösende Medikamente in 80 % der Fälle für einen Abgang der Steine. Eingeklemmte Harnsteine können durch konzentrierte Schallwellen (Lithotripsie: Extrakorporale Stoßwellentherapie oder Laser) zertrümmert und anschließend ausgeschieden werden. Auch eine Schlinge kann eingesetzt werden, um Harnsteine zu entfernen. Wenn diese Maßnahmen fehlschlagen, muss eine Punktion durch die Haut oder in schwierigen Fällen ein operativer Eingriff vorgenommen werden.

Harnsteine bei vegetarisch-vegan lebenden Menschen

Harnsteine treten bei vegetarisch-vegan lebenden Menschen seltener auf, da pflanzliche Kost basisch wirkt und dadurch die Bildung von Kristallen unterbindet. Ansonsten gelten alle oben aufgeführten Aussagen auch für Vegetarier und Veganer.

Fazit

  • Die effektivsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Harnsteinen sind die Vermeidung von Übergewicht, eine vegetarisch-vegane Ernährung (basisch), eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und körperliche Aktivität sowie ein möglichst geringer Alkoholkonsum.
  • Es zeigt sich, dass neben einer ganzen Reihe von Zivilisationkrankheiten auch das Risiko für Harnsteine durch eine vegetarisch-vegane Ernährung reduziert werden kann.
  • Die Vorteile einer pflanzenbetonten Ernährung auch hinsichtlich ökologischer, gesellschaftlicher und ethischer Aspekte werden immer bekannter und ebnen den Weg für diese nachhaltige und zukunftsfähige Ernährungsweise.

Literatur

Barzel US, Massey LK: Excess dietary protein can adversely affect bone. J Nutr 128 (6): 1051-3, 1998

Elmadfa I, Leitzmann C: Ernährung des Menschen. Ulmer, Stuttgart, 4. Aufl. 2004

Elmadfa I, Muskat E, Fritzsche D, Aign W: Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle. Gräfe und Unzer, München 2011

Hesse A, Tiselius HG, Siener R et al: Urinary stones, diagnosis, treatment and prevention of recurrence. Karger, Basel, 3. Aufl. 2009

Hesse A, Siener R, Schmitz O: Harnsteine, S. 713-25. In Biesalski HK et al: Ernährungsmedizin. Thieme, Stuttgart, 4. Aufl. 2010

Koerber K v, Männle T, Leitzmann C: Vollwert-Ernährung: Konzeption einer zeitgemäßen und nachhaltigen Ernährungsweise. Haug, Stuttgart, 10. Aufl. 2004

Leitzmann C: Vegetarismus: Grundlagen, Vorteile, Risiken. CH Beck, München, 3. Aufl. 2009

Leitzmann C, Müller C, Michel P, Brehme U, Triebel T, Hahn A, Laube H: Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates, Stuttgart, 3. Aufl. 2009

Müller SC, Hofmann R, Köhrmann K-U, Hesse A: Epidemiologie, instrumentale Therapie und Metaphylaxe des Harsteinleidens. Deutsches Ärzteblatt 101 (19): A 1331-36, 2004

Siener R, Hesse A: The effect of a vegetarian and different omnivorous diets on urinary risk factors for uric acid stone formation. Eur J Nutr 42 (6), 332-7, 2003

Taylor EN, Curhan GC: Fructose consumption and the risk of kidney stones. Kidney Int 73 (2): 207-12, 2008