Einfluss auf die Schilddrüse durch Sojaprodukte

Einfluss auf die Schilddrüse durch Sojaprodukte Bildquelle: Image Point Fr / shutterstock.com

Oft wird behauptet, dass die in der Sojabohne enthaltenen Isoflavone Schilddrüsenkrebs verursachen. Mehrere Studien zeigen, dass Isoflavone bei schilddrüsengesunden Personen keine Auswirkungen auf die Schilddrüsenfunktion haben.

Häufig ist zu lesen, dass die in der Sojabohne enthaltenen Isoflavone die Schilddrüse schwächen, ihre Funktion hemmen sowie Kropfbildung und Schilddrüsenkrebs verursachen. Als Beleg wird u. a. eine „groß angelegte“ japanische Studie aus dem Jahr 1991 zitiert, in der 17 (!) Versuchspersonen über drei Monate hinweg 30 g Sojabohnen täglich verzehrten. Bei der Hälfte der Probanden wurden nach Ende des Versuchs Unwohlsein, Verstopfung und Müdigkeit (interpretiert als Anzeichen eines verlangsamten Stoffwechsels) sowie Kropfbildung beobachtet. Einen Monat nach Abschluss des Experiments waren die Symptome sowie die Kropfbildung wieder verschwunden. Die Autoren schlussfolgerten, dass exzessiver Konsum von Sojabohnen über eine gewisse Zeitdauer die Schilddrüsenfunktion einschränken und eine Kropfentstehung verursachen kann, besonders bei älteren Menschen.1 Anders als auf einer Anti-Soja-Webseite dargestellt, ist in dieser Studie keine Rede von Schilddrüsenkrebs.

Tofu enthält nur geringe Mengen an Isoflavonen

Da die Studie nur auf Japanisch erschienen ist, entziehen sich die Methodik und die genauen Daten einer weiteren Beurteilung. Entsprechend fand die Untersuchung in der wissenschaftlichen Literatur praktisch keine Beachtung. Bei den in der englischen Zusammenfassung veröffentlichten Ergebnissen muss beachtet werden, dass in der Praxis selten Sojabohnen, sondern meist daraus verarbeitete Produkte verzehrt werden, die einen deutlich niedrigeren Gehalt an Isoflavonen aufweisen. So enthalten Sojabohnen etwa 150 mg Isoflavone/100 g, Tofu hingegen nur rund 28 mg/100 g.2

Eine ausreichende Jodversorgung ist wichtig

Zwar können Phytoöstrogene in vitro (im Reagenzglas) und in Tierversuchen die Bildung von Schilddrüsenhormonen behindern.3 Eine systematische Literaturanalyse (14 Interventionsstudien) aus dem Jahr 2006 ergab jedoch, dass die Aufnahme von Isoflavonen bei schilddrüsengesunden Personen keine Auswirkungen auf die Schilddrüsenfunktion hat. Bei Menschen mit Störung der Schilddrüsenfunktion und/oder bestehendem Jodmangel erhöht der Konsum von Soja-Isoflavonen jedoch möglicherweise das Risiko, eine Schilddrüsenunterfunktion zu entwickeln. Daher sollten Personen, die Sojaprodukte konsumieren, besonders auf eine ausreichende Jodversorgung achten.4

Auch ein weiterer Übersichtsartikel kommt zu dem Ergebnis, dass Soja-Isoflavone, insbesondere Genistein, keine negativen Auswirkungen auf die Schilddrüsenfunktion von schilddrüsengesunden Menschen mit ausreichender Jodversorgung haben, jedoch noch weiterer Forschungsbedarf besteht.5 Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schlussfolgert in einer Stellungnahme, dass sich das Kropf bildende Potenzial von isolierten Isoflavonen in hoher Dosierung (z. B. aus Nahrungsergänzungsmitteln) schwer abschätzen lässt. Da Frauen mit zunehmendem Alter ein erhöhtes Risiko der Ausbildung einer subklinischen Schilddrüsenunterfunktion haben, könne aufgrund der gegenwärtigen Datenlage nicht ausgeschlossen werden, dass sich dieses Risiko durch Aufnahme von Isoflavonpräparaten erhöht.6

Sojaprodukte verringern das Risiko für Schilddrüsenkrebs

In der San-Francisco-Bay-Schilddrüsenkrebs-Studie wurden 608 an Schilddrüsenkrebs erkrankte Frauen sowie 558 nicht erkrankte Frauen (Kontrollgruppe) untersucht und nach ihrem Ernährungsverhalten befragt. So hatten beispielsweise Frauen, die im Jahr vor der Befragung mindestens 50 Gramm Tofu pro Tag verzehrt hatten, ein nur halb so hohes Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken wie Frauen ohne Tofuverzehr. Insgesamt verringerte sich durch einen höheren Konsum von nichtfermentierten Sojaprodukten das Risiko für Schilddrüsenkrebs um bis zu 55 %.7

Fazit

In der wissenschaftlichen Literatur ist keine einzige Studie zu finden, die beim Menschen einen Zusammenhang zwischen Sojaverzehr und der Entstehung von Schilddrüsenkrebs ermittelte. Im Gegenteil zeigen epidemiologische Studien, dass Personen mit einer höheren Aufnahme von Isoflavonen (in Form von Sojaprodukten) ein geringeres Risiko für Schilddrüsenkrebs aufweisen als solche mit einem niedrigeren Verzehr.

Vegetarische Ernährung
Claus Leitzmann und Markus Keller

Vegetarische Ernährung

Ulmer 2013 (3. aktualisierte Auflage), 380 Seiten, 22,99 €
ISBN 978-3-8252-3873-5

Literatur

1 Ishizuki Y, Hirooka Y, Murata Y, Togashi K: The effects on the thyroid gland of soybeans administered experimentally in healthy subjects. Nihon Naibunpi Gakkai Zasshi 67 (5), 622-9, 1991 [Article in Japanese]

2 Foth D: Der Stellenwert von Phytoestrogenen in der Therapie des klimakterischen Syndroms. J Menopause, 10 (1), 13-20, 2003

3 Messina M, Messina V: The role of soy in vegetarian diets. Nutrients 2 (8), 855-88, 2010

4 Messina M, Redmond G: Effects of soy protein and soybean isoflavones on thyroid function in healthy adults and hypothyroid patients: a review of the relevant literature. Thyroid 16, 249-58, 2006

5 Marini H, Polito F, Adamo EB, Bitto A et al.: Update on genistein and thyroid: an overall message of safety. Front Endocrinol (Lausanne) 3, 94, 2012

6 BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung): Isolierte Isoflavone sind nicht ohne Risiko. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 039/2007 vom 3. April 2007

7 Horn-Ross PL, Hoggatt KJ, Lee MM: Phytoestrogens and thyroid cancer risk: the San Francisco Bay Area thyroid cancer study. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 11 (1), 43-9, 2002