Demenz-Risiko bei Tofu-Verzehr als gering eingeschätzt

Demenz-Risiko bei Tofu-Verzehr als gering eingeschätzt Bildquelle: Robert Kneschke / shutterstock.com

Wie sich der Konsum von Sojaprodukten auf die geistige Leistungsfähigkeit und das Demenzrisiko im Alter auswirkt, beantwortet dieser ernährungswissenschaftliche Artikel.

Die Aussage, dass Tofu-Verzehr Demenz fördert, bezieht sich auf eine Studie, die etwa 3.700 männliche japanisch-stämmige US-Amerikaner auf Hawaii untersucht hat.1 Die Teilnehmer wurden im Rahmen des „Honolulu Heart Program“ sowie der „Honolulu-Asia Aging-Study“ in den Jahren 1965-1967 sowie 1971-1974 zu je einem Zeitpunkt nach ihrem Ernährungsverhalten befragt. Dabei wurde auch der Verzehr von Tofu abgefragt, der zu einer Einteilung in die Gruppen „sehr niedrig“ (weniger als 2 Portionen pro Woche in beiden Interviews), „niedrig“ (weniger als 2 Portionen im ersten Interview), „hoch“ (mehr als 2 Portionen in einem Interview) und „sehr hoch“ (mehr als 2 Portionen pro Woche in beiden Interviews) führte.

In den Jahren 1991-1993, als die Teilnehmer zwischen 71 und 93 Jahre alt waren, wurde mittels eines Testinstruments (CASI = Cognitive Abilities Screening Test) die mentale Leistungsfähigkeit der Probanden untersucht. Die Studie ermittelte, dass Personen mit einem sehr hohen Tofu-Verzehr im mittleren Lebensalter ein 1,6- bis 2-fach höheres Risiko für Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit im hohen Alter aufwiesen als solche mit einem sehr niedrigen Verzehr. Dies war die erste Studie, die einen solchen Zusammenhang zwischen Tofu-Konsum und eingeschränkten mentalen Fähigkeiten zeigte.

Kritik an der Studie

Allerdings weist die Studie methodische Schwächen auf. So fehlen von 596 Probanden (etwa 16 %) die Verzehrsdaten während der zweiten Befragung (1971-1974), da sie den Fragebogen zur Bestimmung des Essverhaltens nicht beantwortet hatten. Der tatsächliche Tofu-Konsum dieser Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt ist demnach unbekannt. Teilnehmer mit fehlenden Daten wurden jedoch den beiden Verzehrsgruppen „niedrig“ oder „hoch“ zugeordnet. Dies kann die Ergebnisse verzerren.

Beispielsweise berechnete die Studie für niedrigen gegenüber sehr niedrigem Tofu-Konsum ein 1,4-fach erhöhtes Risiko für mentale Leistungseinschränkungen. Allerdings fehlen bei 30 % (466) der Teilnehmer in der Gruppe „niedriger Verzehr“ die Angaben zum tatsächlichen Tofu-Verzehr. Wäre ein Teil dieser Probanden der Gruppe „sehr niedriger Verzehr“ zugeordnet worden, wären die Unterschiede im Risiko kleiner ausgefallen.2 Hinzu kommt, dass nur ein relativ kleiner Teil der Teilnehmer (271 bzw. 7 %) einen sehr hohen Tofu-Konsum aufwies und die Streubreite der Ergebnisse sehr hoch war – was auf eine eingeschränkte Genauigkeit hinweist.

Zudem könnte der Tofu-Verzehr lediglich ein Indikator für andere, nicht bekannte Faktoren sein. So hatten die Personen mit hohem Tofu-Verzehr einen niedrigeren sozialen Status als Personen mit niedrigem Tofu-Verzehr. Möglicherweise spielen Faktoren während der Kindheit, die mit dem sozialen Status in Zusammenhang stehen, eine Rolle für die Gehirnentwicklung im Alter.3

Die Autoren der Studie haben keine gesicherte physiologische Erklärung für ihre Beobachtung, mutmaßen jedoch, dass die im Tofu enthaltenen Isoflavone – wie in einigen Tierversuchen beobachtet – möglicherweise einen negativen Einfluss auf die Gehirnalterung ausüben könnten. Auch die Möglichkeit, dass ihre Ergebnisse fehlerhaft sind oder nur die untersuchte Bevölkerungsgruppe betreffen, schließen die Autoren nicht aus.

Widersprüchliche Ergebnisse

Bisher liegen kaum Hinweise aus Humanstudien vor, die die Isoflavon-Theorie stützen. Eine Untersuchung in Indonesien (719 Teilnehmer, Alter: 52-98 Jahre) fand einen Zusammenhang zwischen Tofu-Konsum und schlechterem Erinnerungsvermögen, während der Konsum von Tempeh (ebenfalls aus Soja) mit einem besseren Erinnerungsvermögen assoziiert wurde, insbesondere bei älteren Probanden.4 Eine neuere Studie derselben Arbeitsgruppe ermittelte sowohl für Tofu- als auch Tempeh-Konsum einen positiven Einfluss auf das Erinnerungsvermögen, allerdings nur für jüngere Teilnehmer (Durchschnittsalter: 67 Jahre). Bei älteren Probanden (über 80 Jahre) waren die vorher beobachteten negativen Wirkungen nicht mehr signifikant.5

In einer doppelblinden Interventionsstudie erhielten 175 Frauen nach der Menopause (Alter: 60-75 Jahre) über einen Zeitraum von 12 Monaten entweder 25,6 g Sojaprotein (99 mg Isoflavongehalt) oder die gleiche Menge an Milchprotein (in Form von Milchpulver). Nach Ende der Studie zeigten sich keine Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit zwischen den Versuchsgruppen.6 Eine weitere doppelblinde Interventionsstudie mit 79 postmenopausalen Frauen (48-65 Jahre) verglich die Wirkung eines Isoflavon-Supplements (70 mg Isoflavone/Tag) sowie von Sojamilch (72 mg Isoflavone/Tag) und Kuhmilch auf die mentale Leistungsfähigkeit. Nach 16 Wochen zeigte sich kein Einfluss von Soja-Isoflavonen auf verschiedene geistige Fähigkeiten. Allerdings schnitten die Frauen der Sojamilchgruppe schlechter bei einem Test zum Erinnerungsvermögen ab.7

Fazit

Bisher liegen demnach sehr widersprüchliche Ergebnisse vor, wie sich der Konsum von Sojaprodukten auf die geistige Leistungsfähigkeit und das Demenzrisiko im Alter auswirkt. Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf. Eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) kommt zu dem Schluss, dass „das Risiko einer Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten durch einen moderaten Tofu-Verzehr (zwei oder weniger Portionen pro Woche) gegenwärtig auf Grund der vorliegenden wissenschaftlichen Daten als gering eingeschätzt werden kann“.8

 

Literatur

1 White LR, Petrovich H, Ross GW, Masaki K et al.: Brain Aging and Midlife Tofu Consumption. J Am Coll Nutr 19 (2), 242-55, 2000

2 Guo C, Wilkens LR, Maskarinec G, Murphy S: Examining associations of brain aging with midlife tofu consumption. J Am Coll Nutr, 19 (4), 467-8, 2000

3 Grodstein F, Mayeux R, Stampfer MJ: Tofu and cognitive function: food for thought. J Am Coll Nutr 19 (2), 207-9, 2000

4 Hogervorst E, Sadjimim T, Yesufu A, Kreager P, Rahardjo TB: High tofu intake is associated with worse memory in elderly Indonesian men and women. Dement Geriatr Cogn Disord 26 (1), 50-7, 2008

5 Hogervorst E, Mursjid F, Priandini D, Setyawan H et al.: Borobudur revisited: soy consumption may be associated with better recall in younger, but not in older, rural Indonesian elderly. Brain Res 1379, 206-12, 2011

6 Kreijkamp-Kaspers S, Kok L, Grobbee DE, de Haan EH et al.: Effect of soy protein containing isoflavones on cognitive function, bone mineral density, and plasma lipids in postmenopausal women: a randomized controlled trial. JAMA 292 (1), 65-74, 2004

7 Fournier LR, Ryan Borchers TA, Robison LM, Wiediger M et al.: The effects of soy milk and isoflavone supplements on cognitive performance in healthy, postmenopausal women. J Nutr Health Aging 11 (2), 155-64, 2007

8 DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung): DGE-Stellungnahme: Gesundheitliche Risiken bei Sojaverzehr.(www.dge.de/modules.php?name=News&file=article&sid=293) (abgerufen 20.10.2013) 2001