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Vegetarier-Bund
Deutschlands e.V. |
VEBU kontrovers
Die PETA-Kampagne "Der Holocoust auf deinem Teller"...
PRO und KONTRA zur Diskussion!

Unten: Eine übrig gebliebene deutsche PeTA-Kampagnen-Anzeige. Zu den zentralen
Bildern der Ausstellung, die Opfer der so genannten "Nutztierhaltung"
und menschliche Holocaust-Opfer zeigen: Das Landgericht Berlin verbietet PETA
in einer einstweiligen Verfügung "...die Bilder über das Internet
und/oder in Form einer der Öffentlichkeit zugänglichen Ausstellung
zu verbreiten und/oder verbreiten zu lassen und/oder in sonstiger Weise der
Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Die englischsprachigen
Kampagnen-Bilder sind jedoch weiterhin auf der Internetseite http://www.masskilling.com/exhibit.asp
anzuschauen (siehe Bild oben).

Im Frühjahr diesen Jahres startete die Tierrechtsorganisation PETA die
Kampagne „Der Holocaust auf Deinem Teller“, die zuvor bereits in
den USA angelaufen war. Die Kampagne löste sehr unterschiedliche Reaktionen
aus – von entsetzter Ablehnung bis zu inhaltlicher Zustimmung.
Der Vorstand des VEBU hat sich mehrfach mit der PETA-Aktion auseinandergesetzt
und hat mehrheitlich eine kritische Position zu der Kampagne. Dieses vor allem
aus drei Gründen: Die Kampagne wird inhaltlich als problematisch angesehen,
da hier zwei sehr unterschiedliche historische Tatbestände als quasi vergleichbar
dargestellt werden. Strategisch betrachtet besteht die Sorge, dass hiermit eine
Vermehrung an Zustimmung zu unseren Zielen nicht erreicht werden kann (was ja
das Ziel jeder öffentlichen Aktion sein muss), da die praktische Gleichsetzung
jedes Fleisch essenden Menschen mit einem Nazi-Schergen in der Regel eine Abwehrreaktion
und keine Öffnung zur Folge hat und die Kampagne somit kontraproduktiv
ist. Schließlich ist nach der Auffassung des VEBU-Vorstandes zu respektieren,
dass Menschen, die unter den Nationalsozialisten leiden mussten bzw. in dieser
Zeit Angehörige verloren haben und die in ihrem Denken keinen Tierrechts-
bzw. vegetarischen Hintergrund haben, einen solchen Vergleich als Relativierung
bzw. sogar Nichtanerkennung ihres Leidens verstehen können. (auch wenn
dies von den Initiatoren ganz sicher nicht beabsichtigt ist).
Dies ist allerdings eine vorläufi ge Position, die auch veränderbar
ist. Deshalb sind wir gespannt auf Ihre Diskussionsbeiträge zu den folgenden
Pro- und Kontra - Positionen zu der Kampagne und möchten Sie ausdrücklich
zu Stellungnahmen ermuntern. Die Pro-Position vertritt Harald Ullmann, Kampagner
von PETA, die Kontra-Postion Susann Witt-Stahl von der TAN (Tierechts Aktion
Nord).
Thomas Schönberger
PRO... Harald Ullmann (PETA)
![]() |
Harald Ullmann, der 2. Vorsitzende von PETA-Deutschland e.V., schrieb die PRO-Stellungnahme für den VEBU. PETA, People for the Ethical Treatment of Animals (Menschen für den ethischen Umgang mit Tieren) ist eine internationale, gemeinnützige Tierrechts-Organisation mit Büros in Norfolk, VA, San Francisco, CA, London, Den Haag und Stuttgart. 1980 gegründet, kämpft PETA dafür, dass die Rechte der Tiere anerkannt und gewahrt werden. PETA handelt nach dem einfachen Prinzip, dass wir Menschen nicht das Recht haben, Tiere in irgendeiner Form auszubeuten, zu misshandeln oder zu verwerten. |
Das Konzept unserer Kampagne
entstand aus Aussagen des jüdischen Autors, Nobelpreisträgers und
Vegetariers Isaac Bashevis Singer: „In ihrem Verhalten der Kreatur gegenüber
waren alle Menschen Nazis. … . Treblinka war überall.“ Singer
fl üchtete aus Europa, als die Nazis an die Macht kamen, und verlor im
Holocaust den Großteil seiner Familie. Als Ergebnis dessen, was er durchlebt
und gesehen hatte, wurde er Vegetarier. Bis zu seinem Tod im Jahr 1991 sprach
er sich für den Vegetarismus aus. Er argumentierte, es mache keinen Unterschied,
wer die Opfer seien – wir müssten uns gegen jede Gräueltat und
Grausamkeit aussprechen und helfen, sie zu beenden.
Die Holocaust-Kampagne ist kein Vergleich, der von PETA erfunden wurde, und
beabsichtigt auch nicht den Holocaust zu verharmlosen oder zu relativieren.
Dies ist auch nicht das erste Mal, dass das Leiden von Menschen mit dem Leiden
von Tieren verglichen wird. Grausamkeiten gegen Tiere wurden mit Sklaverei,
Unterdrückung von Frauen und anderen Gräueltaten verglichen.
PETA greift die Denkweise an, die es zuließ, dass in den 40-er Jahren
12 Millionen Menschen abgeschlachtet wurden. Die Apathie und Gleichgültigkeit,
die zuließen, dass Juden, Homosexuelle, geistig Behinderte in den Tod
transportiert wurden, ist dieselbe, gegen die wir heute ankämpfen. Der
Angriff ist ein Angriff gegen Unterdrückung, Vorurteile und Grausamkeit.
Jeder, der Tiere isst, hält ein System aufrecht, in dem Menschen Tiere
einpferchen und abschlachten: in Massenanlagen, die den schrecklichsten Konzentrationslagern
in nichts nachstehen.
Nichts kann diese Grausamkeit rechtfertigen. Nichts kann rechtfertigen, dass
man Tiere ihren Familien entreißt, sie ohne Schmerzmittel kastriert, ihnen
die Schnäbel und Hörner abschneidet und sie auf so winzigem Raum einpfercht,
dass sie keinen Flügel spreizen oder Schritt machen können. Nichts
kann die Angst und das Elend ihres Transportes bei jedweder Witterung rechtfertigen
mit dem einzigen Ziel - einer schauderhaften Schlachtung.
Wir wären nutzlos, wenn wir nicht täten, was das Holocaust-Museum
in Washington einst gesagt hat: „Man muss von der Geschichte für
die Gegenwart lernen“. Heute tötet niemand mehr Juden, Fahrende oder
Homosexuelle. Heute geschieht eine andere Art der Ausbeutung.
Der Holocaust war abscheulich. Doch: Was lernen wir daraus? Es ist betrüblich
mit anzusehen, wie Menschen sich auf´s Äußerste bemühen,
den Holocaust nur als etwas Spezifisches für diejenigen aufrechtzuerhalten,
mit denen sie sich am meisten verbunden fühlen oder sympathisieren, anstatt
aus der Geschichte zu lernen und sie dahingehend zu nutzen, unseren Geist und
unsere Augen zu öffnen und unser Handeln gegenüber denjenigen zu ändern,
die wir nicht vollständig verstehen oder an denen uns heute wenig liegt.
Es ist an der Zeit, das Blutvergießen und die fortwährende Ausbeutung
anderer, die als “des Lebens unwürdiges Leben” bezeichnet werden
und wurden, zu beenden.
Jedes mal, wenn ein Mensch sich zum Essen hinsetzt, trifft er die Wahl, ob er
den Holocaust gegen die Tiere unterstützt oder ob er hilft, ihn zu beenden.
Wir sollten uns nicht heraussuchen, welchen Gräueltaten wir uns zu widersetzen
haben. Als menschliche Wesen sollten wir uns allen Gräueltaten widersetzen.
Wer die Kampagne menschenverachtend empfi ndet, offenbart, dass er oder sie
das Leiden der Tiere missachtet.
Nur auf der Grundlage einer solchen Verachtung kann der Vergleich von menschlichen
und tierischem Elend als ehrenrührig empfunden werden. PETA erkennt an,
dass alle Formen der Unterdrückung, ob Rassismus oder Speziesismus, dieselben
verdorbenen Wurzeln haben und daher gleichermaßen Gegenwehr erfahren sollten,
egal wo sie auftreten.
Wir sind diejenigen, die die Lektionen des Holocaust durch unsere Lebensweise
direkt umsetzen, diese vorleben und nicht nur auf Geschichtsbücher verweisen.
Wir bitten all diejenigen, die den heutigen Holocaust an den Tieren leugnen,
endlich die Augen zu öffnen und nicht so zu tun, als ob diese Gräueltaten
in Schlachthöfen und Tierfabriken nicht stattfi nden würden, während
wir diese Zeitschrift lesen.
Wenn Sie mit den PETA-Aktionen nicht einverstanden sind, unternehmen Sie einfach
selbst etwas. Es gibt für alles Raum - außer für interne Querelen,
denn die sind immer destruktiv. Deshalb bitte ich Sie: Verschwenden Sie nicht
ihre Zeit damit, mir Recht oder Unrecht zu geben. Suchen Sie etwas aus, was
Ihnen für die Tiere wichtig ist, und machen Sie es. Scheuen Sie sich nicht
davor, anzuecken, ausgelacht oder beschimpft zu werden, selbst wenn Ihre Vorgehensweise
als kontraproduktiv bezeichnet wird, denn die Tiere brauchen dringend jeden
Einzelnen von uns. Die Tiere, die so erbärmlich leiden müssen, sind
außer Sichtweite. Helfen Sie mit, deren Leid durch Worte und Taten sichtbar
zu machen und sie dadurch zu befreien. Viel Erfolg dabei.
KONTRA... Susann Witt-Stahl (TAN)
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Susann
Witt-Stahl schrieb die KONTRA-Position zur PETAKampagne. 1987 wurde die Aktionsgruppe TAN (damals noch „Tierschutz-Aktiv-Nord“, seit 1993 „Tierrechts-Aktion-Nord“) gegründet. Seitdem wurden zahlreiche Aktionen durchgeführt, z.B. Kunstblutaktionen vor Pelzläden, Konsulaten oder vor McDonalds... Die Ablehnung zu dem Holocaust-Vergleich ist bei der Aktionsgruppe groß: TAN startete innerhalb der Tierrechts-Szene eine Distanzierungs-Kampagne zur PETA-Aktion und -Ausstellung und suchte Mitunterzeichner. |
PETA hat den Holocaust
und den millionenfachen Tiermord kulturindustriell aufbereitet und eine Entwicklung
gefördert, die das Entsetzliche zur standardisierten Ware verdinglicht.
Wie schon der Benneton- Konzern in den neunziger Jahren, operiert auch die Tierrechts-Organisation
nach dem Marketing-Prinzip: Erlaubt ist alles, was schockiert und Publicity
bringt. PETA hat die Shoah einfach aus ihrem historischen und topographischen
Kontext gerissen. Sie hat die größte Menschheitskatastrophe als „eye-catcher“,
als Vehikel für eine Werbekampagne, benutzt. Wer die Bilder der Vernichtungslager
aus den Dokumentationsräumen der Museen zerrt, der Erinnerungskultur entreißt
und durch skandalisierendes Zur-Schau-Stellen profaniert, muss sich mit dem
Vorwurf auseinandersetzen, den Holocaust instrumentalisiert und trivialisiert
zu haben.
Wenn es darum geht, die Gleichsetzung von Auschwitz und Tiermord, wie sie von
PETA oder auch von dem „Tierrechts- Philosophen“ Helmut Kaplan betrieben
wird, kritisch zu refl ektieren, dann können Methode und Gegenstand, Form
und Inhalt nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Das Problem ist
bereits in der reduktionistischen Vorgehensweise angelegt, für den Vergleich
ausschließlich die Phänomene des Holocaust und der Massenschlachtung
von Tieren zu berücksichtigen, ihr Wesen jedoch außer Acht zu lassen.
So blieb die Frage nach den Funktionen von Todeslagern und Schlachthäusern
unberücksichtigt: Auschwitz war eine Todesfabrik. Sie hatte den Zweck,
Tote zu produzieren. In den Lagern, die die Nationalsozialisten in Polen errichtet
hatten, sollte die Auslöschung der Juden und ihrer Identität vollzogen
werden.
Die zentrale Maßnahme zur Erreichung des Ziels - die Juden samt ihrer
Kultur im Abgrund der Geschichte verschwinden zu lassen - war die physische
Vernichtung der „jüdischen Rasse“, die von den Nazis, wie Max
Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“
darlegten, als „Gegenrasse“ und „Kolonisatoren des Fortschritts“
begriffen worden war. Der Zweck der Schlachthöfe und Tierfabriken dagegen
ist nicht die Eliminierung eines erklärten Feindes, sondern aus Leibern
von - während der gesamten Kulturgeschichte des Menschen - brutal unterdrückten
Tieren Fleisch zu produzieren. Obwohl sich die Ideologie des Kapitalismus im
Fleisch quasi materialisiert, ist das ökonomische Movens der Tierausbeutung
in der Industriegesellschaft ein Aspekt, den PETA und Kaplan größtenteils
ausblenden.
Das Töten und die Fleischgewinnung wurden bereits im Frühkapitalismus
als durchkalkulierter parzellierter Fabrikationsvorgang organisiert. Die Umwandlung
der Schlachthäuser in perfekte Fleischproduktionsfabriken begann Mitte
des 19. Jahrhunderts, als sie aus den Innenstädten an die Stadtränder
verlegt wurden. Der Schlachthof sollte bald zum Inbegriff, zum Symbol des institutionalisierten
Tötens, der Degradierung quälbarer Körper zu Dingen werden. Die
Schlachthäuser waren insofern Vorläuferinstitutionen der Todeslager,
dass ihre perfektionierte Tötungsmaschinerie als „Prototyp“
fungierte und den nationalsozialistischen Mörderbanden das „Know-How“
für die millionenfache Menschenvernichtung lieferte. Dennoch stehen Tiertötungsfabriken
und Auschwitz nicht in kausalem Zusammenhang. Aus der technischen Optimierung
der „Tierverwertung“ folgte nicht zwingend, dass die deutschen Täter
rund einhundert Jahre später Fabriken errichteten, in denen Menschen vergast
wurden. Und Bruno Bruckners Anstellung als Portier in einem Linzer Schlachthaus,
wie Helmut Kaplan behauptet, führte nicht unweigerlich dazu, dass er später
im Tötungszentrum Hartheim arbeitete. Das Herrschaftsverhältnis Mensch-Tier-
Natur ist äußerst komplex. Ihm ist nicht mit oberfl ächlichen
Vergleichen von Phänomenen und provokativen Gleichsetzungen beizukommen.
Es bedarf ausführlicher Analysen und einer dezidierten Herrschaftskritik.
Es bleibt zu hoffen, dass der VEBU an seiner „vorläufi gen Position“
– die Ablehnung einer Gleichsetzung des Tiermords für den Fleischkonsum
mit der Shoah – auch weiterhin festhält. Denn ein Vegetarierverband,
der die (massenhafte) Tiertötung für Konsum und Profi t nicht kategorisch
verwirft, sondern zu einem quantitativen Problem degradiert, indem er das weniger
Morden und damit verbunden das weniger Fleischessen mit grässlichen euphemistischen
Wortschöpfungen wie „Teilzeitvegetarismus“ absegnet, wird sich
noch tiefer in Aporien verstricken als PETA (die sich ja bekanntlich gern mit
den „Nazis“ von Burger King an den runden Tisch setzen), wenn er
sich ausnahmsweise mal „radikal“ gebärdet und derart drastische
Vergleiche bemüht. Es sei denn, der VEBU möchte der Gesellschaft zukünftig
noch scheußlichere Neologismen wie „‚Friss die Hälfte’-Nazi“
und „Teilzeit-Holocaust“ zumuten?
natürlich vegetarisch 3-2004
Vegetarier-Bund
Deutschlands e.V., Blumenstr. 3, 30159 Hannover, Tel. 0511-3632050, Fax 0511-3632007,
www.vegetarierbund.de
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